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Die Zukunft und der Faktor Mensch


Stadtteil: Mitte
Stadtplanaufruf: Berlin, Alexanderplatz / Gontardstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Alexanderufer / Kapelle-Ufer
Datum: 19. Oktober 2017
Bericht Nr.: 604

"Es muss ja Methoden geben, wo man fulminant, lustvoll, in atemberaubend schönen Gebäuden leben kann, die trotzdem perfekt ökologisch sind, weil sie keine Energie verbrauchen, keinen Schornstein haben und vollkommen recycelbar sind". Diese Worte hat der Philosoph Peter Sloterdijk einem Architekten im Interview entlockt. Das klingt nach Zukunftsvision, mehr noch - nach Utopie.

Den Dingen neuen Geist einhauchen, die Zukunft gestalten: Wer plant, ist erfüllt davon. Und dann muss ein Architekt feststellen, dass seine zukunftweisenden Ideen von den Bewohnern nicht angenommen werden. Er plant eine rationelle Einbauküche, und dann zwängen Nutzer den alten Esszimmertisch in die Reformküche und ihr Plüschsofa in das raumoptimierte Wohnzimmer. Auf dem Weg vom Planer über den Bauherren zum Nutzer geht oft einiges von den klugen Ideen verloren. Eine gut durchdachte Klimatisierung funktioniert nicht, wenn man bei laufender Heizung lüftet. Je komplexer die Lösungen werden, umso schwieriger ist es für den Nutzer, die Zusammenhänge zu verstehen und umzusetzen. Auch die Motivation spielt eine Rolle: Wird der Energieverbrauch baulich entscheidend reduziert, dann bekommt der Nutzer ein gutes Gefühl und kann vielleicht die Heizung etwas höher stellen, weil die Wärme wenig kostet.

Energieeffizient zu planen, ist also nur der erste Schritt. Dann folgt die Phase, energieeffizient zu bauen, ohne die Ideen finanziellen und anderen Zwängen zu opfern. Im laufenden Betrieb muss nachgesteuert werden, gerade in der Erprobungsphase. Und die Nutzer müssen wissen, wie die intelligente Technik funktioniert.


"Alea 101" am Alexanderplatz
In der Berliner Energiewoche ("Berlin spart Energie") wurde ein Wohn- und Geschäftshaus am Alexanderplatz ("Alea 101") vorgestellt, das seit mehreren Jahren in Betrieb ist. "Alea" bedeutet lateinisch Würfel, gebaut 101 Jahre "nach C&A". Beim Vorbeigehen nimmt man vor allem die Läden wahr, die das gesamte Erdgeschoss umfassen mit einer Schaufensterfront von 130 Metern rundherum. Darüber geht über einer schmalen Fuge ein dunkel glänzender quadratischer Baukubus mit weiteren Geschossen bis zur Berliner Traufhöhe. Dieser Bereich soll an einen Stapel Warenkartons erinnern und damit die Nutzung als Einzelhandelsflächen nach außen spiegeln. Wiederum darüber ist ein weißer Baukörper aufgesetzt, der mit leichter Drehung zum unteren Kubus Baufluchten umliegender Grundstücke aufnimmt und gleichzeitig dazu dient, Außenluft anzusaugen. Ein baulicher "Zauberwürfel" ist entstanden.

Im oberen Baukörper wurden Wohnungen und Büros geschaffen, die miteinander den Innenhof und den Fahrstuhl teilen. Der Fahrstuhl wird naturgemäß unterschiedlich intensiv von Wohnungen und Büros genutzt, das erschwert die Kostenverteilung. Andererseits werden dadurch Erschließungsflächen eingespart.


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Seit 1911 stand hier das erste deutsche C&A-Kaufhaus. Die DDR betrieb hier ein HO-Bekleidungshaus, nach der Wende war es eine Grünfläche. Das Umfeld ist sehr heterogen, dazu gehören der Bahnhof Alexanderplatz ebenso wie das Alexander- und Berolinahaus von Peter Behrens, die Rathauspassagen, das Rote Rathaus und natürlich der Fernsehturm, der heute ab und zu in die Wolken eintaucht. Den Bau hat die Immobiliengesellschaft der C&A-Inhaber realisiert, man kehrte zurück zu den Wurzeln.

Das Gebäude nutzt erneuerbare Energien im Rahmen der Geothermie. Die unterhalb der festen Erdoberfläche gespeicherte Energie wird hier über vier Grundwasserbrunnen in 30 m Tiefe in einem Kreislauf von Vorlauf und Rücklauf aufgenommen und vor allem zur Kühlung verwendet. Dadurch werden Klimaanlagen überflüssig. Tatsächlich wird bei Büronutzung mehr Energie für die Kühlung als für die Heizung gebraucht, weil technische Geräte wie Computer und Drucker Wärme erzeugen, genau wie die stärkere Anwesenheit von Menschen als bei Wohnungen.

Für die Energieversorgung wird weiterhin die Betonkernaktivierung genutzt. Der Baustoff Beton leitet und speichert Wärme und Kälte, deshalb ist er für thermische Verfahren gut geeignet. Dafür werden in die Massivdecken Rohrleitungen eingefügt, durch die warmes Wasser zum Heizen oder kaltes Wasser zum Kühlen geschickt wird. Kunststoffleitungen durchziehen in einem Abstand von 10 bis 30 cm die gesamten Betondecken. Die ganze Fläche heizt oder kühlt, deshalb reichen geringere Vorlauftemperaturen. Die Energie wird erst von den Decken aufgenommen und dann zeitversetzt an den Raum abgegeben. Das ist eine relativ junge Technik, die wesentliche Energieeinsparungen verspricht und umweltschonend ist.

FUTURIUM, das Haus der Zukunft
Ein weiteres Ziel der Berliner Energiewoche liegt gegenüber dem Kanzleramt. Zwischen den Bauten von Bundesministerien ist ein Bundesbau entstanden, in dem man sich in verschiedenartigen Veranstaltungen mit der Zukunft auseinandersetzen will. Die Architekten haben der Versuchung widerstanden, "Whow"-Architektur zu schaffen, die morgen vielleicht schon überholt ist. Kein digital entworfener Bau, der seine Kraftlinien verbirgt. Sondern ein Haus, das augenfällig die gegenseitige Wirkung von Last und Stütze zeigt, von Decke und Wand, so wie beim antiken Tempel das Gebälk auf der Säule liegt.

Welche Überraschungen mit dieser herkömmlichen Konstruktionsmethode möglich sind, zeigen sie mit zwei Vordächern, die 18 Meter weit aus dem Gebäude vorkragen und trotzdem die Last der oberen Etagen aufnehmen. Zur Spree und zum Bahnviadukt - also nach entgegengesetzten Seiten - ermöglichen sie mit riesigen Panoramafenstern den Ausblick und Einblick, architektonischer Ausdruck der Transparenz, die die Arbeit in diesem Haus prägen soll.


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Die Fenster sind nach dem Prinzip einer Sonnenbrille konstruiert, sie lassen Licht, aber keine Wärme herein. Unter den Vordächern sind öffentliche Flächen entstanden, der Baugrund ist bewusst nicht wie bei den umliegenden Ministerien bis an den Rand ausgenutzt.

Innen gibt es im Erdgeschoss das "Forum", den Empfangsbereich. Im Untergeschoss den "Cave" für Forschungsprojekte. Im 1.Stock die "Cloud" mit variablen Ausstellungsräumen. Für gute Akustik sorgen Mikrobohrungen in den Wandelementen, deren Anordnung ein neutrales Muster auf die Wände zeichnet. Im Stockwerk darüber befindet sich eine gläserne Galerie, die durch eine futuristische Wendeltreppe erschlossen wird. Das Dach ist vollflächig mit Sonnenkollektoren bestückt. Auf einem "Skywalk" kann man rund herum gehen und Berlin im 360 Grad Modus betrachten.

Im Fahrstuhl finden 80 Personen Platz. Die mühsame und zeitraubende Höhenbeförderung einer Gruppe mit einer Vielzahl kleiner Fahrstuhlfahrten hat damit ein Ende. Die Deckenbeleuchtung kann mit dem Besucher "mitwandern", ihn begleiten, die Steuerung der LCDs macht das möglich.

Und wo bleibt die überschüssige Energie, die mit der Photovoltaik erzeugt wird? Sie wird in Phasenwechselmaterial gespeichert. Das ist wie bei Taschenwärmern, mit denen man sich warme Hände in der Jackentasche zaubert. Hier im Haus wird mit Paraffinspeichern als Latentwärmematerial gearbeitet. Wie runde Wärmflaschen aus Plastik sehen die Makrokapseln aus, die das Paraffin enthalten und in fünf großen Wassertanks schwimmen. Beim Aufladen wird das Paraffin durch die Wärme geschmolzen, beim Abkühlen erstarrt es. Viel Wärmeenergie wird bei geringer Masse gespeichert, dadurch wird ein Vielfaches gegenüber dem Speichermedium Wasser erreicht. Je nach gewünschter Temperatur verwandeln Wärmetauscher nach Kühlschrankprinzip den Wärmespeicher in einen Kältespeicher.

Kleines Gimmick: Das Prinzip wird an einer Scheibe mit Gucklöchern sichtbar gemacht, hinter der die Tanks eingebaut sind. Erwärmt man die dünne Schicht Paraffin hinter der Scheibe, dann wird das Paraffin durchsichtig und erlaubt einen Blick auf die Tanks. Bei Abkühlung sind die Scheiben wieder blickdicht. Die Architekten nennen das ein "didaktisches Fenster". Schön, wenn so viel Phantasie im Spiel ist, dass sie über die reine Architektur hinausgeht.

Im Frühjahr 2019 soll das Futurium dauerhaft eröffnet werden.


Eine Straße verändert ihr Gesicht
Doppelte Elisabeth