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Nähe und Distanz in Majolika


Stadtteil: Mitte
Bereich: Fischerinsel
Stadtplanaufruf: Berlin, Wallstraße
Datum: 21. Januar 2013

Die Wallstraße in Berlin und die Wall Street in New York haben eine Gemeinsamkeit: Sie wurden dort angelegt, wo früher für die Stadtbefestigung Wälle aufgeschüttet waren, um die Stadt gegen Eindringlinge zu schützen.

Die Niederländische Westindien-Kompanie hatte auf der Südspitze von Manhattan die Stadt New Amsterdam gegründet. Um auf der Landseite ihre Nordflanke zu schützen, ließ der Gouverneur Peter Stuyvesant 1652 einen Wall und einen Palisadenzaun errichten. Als die Stadt sich weiter nach Norden ausdehnte, wurde der Wall eingeebnet und an seiner Stelle eine Straße angelegt - die 600 Meter lange Wall Street. Aus dem holländischen New Amsterdam wurde das britische New York, das in der Wall Street im Jahre 1700 die City Hall (Rathaus) errichtete. Später wurde dieses Gebäude zum Parlament, George Washington sprach hier als erster Präsident seinen Eid, hier verabschiedete der Kongress 1790 die "Bill of Rights". Ein paar Schritte von der City Hall entfernt entstand die New Yorker Börse in der Wall Street.

Berlins Wallstraße ist für die Stadt- und Staatsgeschichte weniger bedeutend, ihre Ursprünge und Daten sind aber ganz ähnlich, sowohl vom Anlass, von der Straßenlänge als auch von der Zeit her. Der Große Kurfürst ließ 1658 bis 1683 eine Festungsanlage zum Schutz der Stadt errichten (--> 1). Südlich des unteren Spreearms- in der Vorstadt Neu-Cölln am Wasser - wurde ein Wall aufgeschüttet, vom Spittelmarkt bis zum Köllnischen Park gab es vier Bastionen, die im spitzen Winkel aus der Festungsmauer hervortraten. Bald stellten die Festungsbauten sich als Verkehrshindernis ohne militärischen Nutzen heraus. Der Wall in Neu-Cölln am Wasser wurden nach knapp 40 Jahren eingeebnet und an seiner Stelle eine Straße angelegt - die 800 Meter lange Wallstraße.

An der Wallstraße entstanden zunächst Wohnhäuser, davon ist ein Bauwerksensemble (Nr.84-88) erhalten geblieben, dessen älteste Häuser 1838 errichtet wurden. Später verdrängten bis zum Ersten Weltkrieg aufwändig gestaltete Geschäftshäuser die Wohnbebauung. Eckgebäude setzen starke städtebauliche Akzente, im Innenbereich entstanden Gewerbehöfe wie die Wallhöfe oder Spindlershof. Ein Park (--> 2), eine Schule, ein Museum, ein Gewerkschaftshaus (--> 3), zwei U-Bahnhöfe (--> 4) entstanden an der Wallstraße. Wie ein Blick durchs Brennglas auf die erhabene Stadt wirkt die Straße in ihrer Gesamtheit.

In der Wallstraße liegt die Keimzelle des Wäschereiunternehmens von Wilhelm Spindler, der 1832 in der Burgstraße mit einer Seidenfärberei begann und zehn Jahre später an der Wallstraße eine Wäschereifabrik baute. In der Zeit um 1900, als die Gebäude des Spindlershofs in der Wallstr.9 errichtet wurden, war die Wäscherei, Färberei und Chemische Reinigung bereits nach Spindlersfeld umgezogen (--> 5), in der Wallstraße wurden nur noch Geschäftsräume unterhalten. Heute nutzt die Deutsche Rentenversicherung einen Teil des Vorderhauses für eine Beratungsstelle.

Zwei südliche Eckgebäude der Wallstraße - zur Neuen Grünstraße und zur Neuen Roßstrasse - wurden von derselben Architektengemeinschaft Hoeniger und Sedelmeier 1911 und 1913 entworfen. Beide Gebäude sind mit Pfeilern vertikal gegliedert und mit Reliefs und plastischem Schmuck verziert, links und rechts über beiden Portalen betonen Figuren den Eingangsbereich, ansonsten hat jedes Haus seinen ganz eigenen Charakter. Während Haus Nr.15 die Ecke durch plastischen Schmuck verschließt, öffnet Nr.27 die abgerundete Ecke mit einer Fensterachse über alle Geschosse.

Ein Abstecher in die Neue Grünstraße führt zu einem weiteren Gewerbehof, der vier Innenhöfe mit Durchfahrten bis zur Alten Jakobstraße umfasst. Zur Straße hin sind die Fassaden durch starke Pfeiler gegliedert, die jeweils mehrere Fenster zu einer Einheit zusammenfassen. Die Innenhöfe werden durch zwei Fliesenfarben und unterschiedlich gegliederte Fensterachsen belebt. Segmentbögen über den Fenstern einer Etage kreuzen sich mit denen des Treppenhauses. Hinter der Backsteinfassade des Nebenhauses in der Alten Jakobstraße arbeitete seit 1905 ein Umspannwerk für die Stromversorgung des Stadtteils (--> 6). Der in den Kraftwerken Oberspree und Moabit erzeugte Hochspannungsstrom wurde hier auf eine verbraucherkompatible Spannung abgespannt und an die Haushalte und Betriebe verteilt. Franz Schwechten (--> 7) hatte das Gebäude in Fassadenaufbau und Traufhöhe an die umliegende Wohnhausbebauung angepasst, nach dem Verschwinden der Miethäuser steht das Umspannwerk stilistisch als Solitär in der Straße.

In der Neuen Grünstraße 27 baute sich 1790 ein Universalgelehrter ein Haus, heute ist es eines der ältesten Wohnhäuser in diesem Stadtteil. Carl Abraham Gerhard war Doktor der Medizin und der Philosophie, Arzt, Mineraloge, Fachschriftsteller, Übersetzer, Hochschullehrer, Bergrat. Er begründete 1770 die Berliner Bergakademie, die damals den Bergbau in Schlesien im Focus hatte. Heute ist sie Bestandteil der Technischen Universität Berlin. Gerhard war Mitglied der Berliner und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, der Berliner Akademie der bildenden Künste und der mechanischen Wissenschaften und der Akademie der Naturforscher "Leopoldina". Seine zweibändige systematische Darstellung betitelte er bescheiden als „Versuch einer Geschichte des Mineralreichs“, sie wird als seine bedeutendste wissenschaftliche Leistung angesehen. Später folgte der „Grundriß eines neuen Mineralsystems“. Während der napoleonischen Besetzung wurde Gerhard aus dem Amt gedrängt.

Nicht versäumen sollte man einen Blick auf das Gebäude, in dem heute die Australische Botschaft sitzt. "Mit einem neuen Atem" entstand im zu Ende gehenden Kaiserreich 1912 an der Wallstr.76 ein mit farbigen Majolikaplatten verkleidetes Gebäude. Majolika - eine Keramik mit Zinnglasur und farbiger Bemalung - ist ein äußerst ungewöhnlicher und seltener Fassadenschmuck. Die Platten an den Pfeilern sind mit Putten geschmückt, die die pure Lebensfreude ausstrahlen. Halbkreisförmige Felder über den Fenstern spielen mit dem Thema "Nähe und Distanz". Dargestellt sind als sitzender Akt jeweils ein Mann und eine Frau, die sich entweder - einander zugewandt - in die Augen schauen oder Rücken zu Rücken sitzend einander einen kritischen Blick über die Schulter zuwerfen. Auch im Innern deutet der Bau ein Aufbruch in eine neue Zeit an: Auf jeder Etage kommt der Architekt Fritz Crzellitzer mit vier Innenstützen aus, die Aufteilung der Grundrisse ist dadurch sehr variabel. Crzellitzer war Regierungsbaumeister, bis auf das Volksbad Lichtenberg sind seine weiteren Werke aber weitgehend unbekannt.

Bei unserem Rundgang haben wir ein spanisches Restaurant in der Neuen Grünstraße entdeckt. Hier beschließen wir bei Tapas und anderen spanischen Köstlichkeiten unseren Rundgang - wie könnte man an Datteln im Speckmantel vorbeigehen!

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(1a) Über den Großen Kurfürsten: Großer Kurfürst
(1b) Festungsstadt Berlin/Cölln: Festungsstadt Berlin/Cölln
(2) Besuch im Köllnischen Park: Bundeskanzlerin und Stadtbärin
(3) Das Gewerkschaftshaus von Max Taut: Mit Gebäuden repräsentieren
(4a) U-Bahnhof Märkisches Museum: Stadtmitte, unten
(4b) U-Bahnhof Spittelmarkt: Kein Spital an keinem Platz
(5) Mehr über Spindlersfeld: Ein Stadtteil für die Wäsche
(6) Mehr über Umspannwerke/Abspannwerke: Umspannwerke/Abspannwerke
(7) Mehr über Franz Schwechten: Schwechten, Franz


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