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Erfolgslose Buddelei


Stadtteil: Mitte
Bereich: Heinrich-Heine-Viertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Sebastianstraße
Datum: 26. Juli 2010

Im Heinrich-Heine-Viertel südlich des U-Bahnhofs Heinrich-Heine-Straße wurden in den 1920er Jahren zwei unterirdische Bahnhöfe errichtet, die nie in Betrieb gingen. In den 1960er Jahren buddelten Fluchthelfer zwei Tunnel unter der Mauer hindurch, durch die aber keinem DDR-Bürger die Flucht gelang.

In der “Tunnelkartei” der DDR-Stasi sind über 200 Versuche dokumentiert, die Mauer zu unterlaufen – nur 19 waren erfolgreich. Zwei dieser Tunnel wurden in der Sebastianstraße in West-Berlin aus direkt nebeneinander stehenden Häusern gebuddelt, ohne dass die Fluchthelfer voneinander wussten. Der Tunnel aus Haus Nr.81 stürzte beim Bauen ein und wurde aufgegeben. Eine nachsackende Gehwegplatte auf Ost-Berliner Gebiet machte aber die Grenzer aufmerksam und führte sie auf die Spur der Tunnelbauer aus Haus Nr.82. Von hier aus wurde 1962 ein 37 Meter langer Tunnel diagonal unter der Straße und Mauer hindurch bis zu einem Haus in der Querstraße (Heinrich-Heine-Straße) gebaut. Es waren keine kommerziellen Fluchthelfer, die hier buddelten, sondern junge Männer, die ihre Familien nach erfolglosem Versuch legaler Familienzusammenführung in den Westen holen wollten. Schon während der Arbeiten waren sie verraten worden, ein Stasi-Spitzel hatte sich dann in ihre Gruppe eingeschleust. Sie sollten auf frischer Tat beim Aussteigen in Ostberlin verhaftet werden, aber einem Grenzer gingen die Nerven durch. In dem engen Kellerraum schoss er mit dem Maschinengewehr um sich, das Blutbad wurde durch Querschläger noch verschlimmert. Ein schwer verletzter Fluchthelfer wurde nicht versorgt, sondern verhört, um ihm das falsche Geständnis abzupressen, dass sie bewaffnet waren, er starb nach dem Verhör. Eine Gedenktafel auf dem gegenüberliegenden Grundstück in der Sebastianstraße erinnert heute an diese Ereignisse.

Unter dem Alfred-Döblin-Platz, der eigentlich nur eine vergrößerte Verkehrsinsel mit drei Bäumen ist, befindet sich der U-Bahnhof Oranienplatz mit komplettem Tunnel bis zum U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße. Ein Phantom, denn "Oranienplatz" wurde nie von der Bahn befahren. Das Kaufhaus Karstadt hatte am Hermannplatz einen eigenen U-Bahnanschluss, und das wünschte sich Herr Wertheim für sein Haus am Moritzplatz auch, aber die Bahn war am Moritzplatz vorbei geplant worden. Also überzeugte Herr Wertheim mit einem Geldbetrag - man spricht von 5 Mio Reichsmark - die U-Bahngesellschaft von der Notwendigkeit einer Umplanung, und so fährt heute die Bahn im Untergrund an der Dresdener Straße vorbei und schwenkt erst nach dem Moritzplatz unter der Ritterstraße zum Kottbusser Tor ein. Die Bewag hat davon profitiert, sie richtete in dem Bahnhofsrohbau mit Säulen aus poliertem schwedischem Granit eine Schaltstation ein, die den vom Abspannwerk gelieferten 6.000 Volt-Strom auf Haushaltsdrehstrom transformierte. Im 2.Weltkrieg wurde auch dieser Bahnhof - wie der Phantombahnhof Voltairestraße - zum Bunker umgebaut.

Unter dem U-Bahnhof Moritzplatz befindet sich quer zum oberen Bahnsteig ein Bahnhof für die S-Bahn, der nie in Betrieb ging. Zwischen den Kopfbahnhöfen Anhalter Bahnhof und Görlitzer Bahnhof sollte hier ein Anschluss hergestellt werden, die Idee stammte aus dem Dritten Reich und hatte mit dem Ausbau Berlins zur Hauptstadt Germania zu tun. Der untere Bahnsteig war allerdings schon früher, gleichzeitig mit dem U-Bahnhof angelegt worden, so wie man immer wieder bei Neubauten vorbereitende Baumaßnahmen für spätere Ausbauten vornimmt. Er sollte für eine gedachte U-Bahn von Treptow nach Moabit genutzt werden.

Unseren heutigen Stadtspaziergang haben wir an der Jannowitzbrücke begonnen. Die Brückenstraße ist Berlins vom Autoverkehr am stärksten belastete Stadtstraße. Gleich um die Ecke in der Rungestraße wird es wieder ruhiger, sie war früher als "Wassergasse" der Uferweg an der Spree. Die Jugendstilfassade der Zigarettenfabrik Josetti beherrscht das Bild, hinter den prachtvollen geschmiedeten Eingangstoren befinden sich zwei Hofbereiche mit historischen weiß lasierten Fliesen, in die grüne Zierblender eingesetzt sind. Von der Rungestraße geht die Ohmstraße ab, ihre historischen Fassaden vermitteln einen Eindruck von lange vergangenen Zeiten. Benannt ist sie nicht nach dem Physiker, dessen Name die Einheit des elektrischen Widerstands bezeichnet, sondern nach seinem Bruder, der an der Uni Erlangen angeblich bereits nach dem Besuch nur einer Vorlesung seinen Doktor "gemacht" hat und dann Lehrer wurde.

Der U-Bahneingang Heinrich-Heine-Straße gibt ein trostloses Bild, egal ob man den Zugang durch ein Wohnhaus oder die gläserne Schutzhütte gegenüber anschaut. Hier beginnt das Heinrich-Heine-Viertel, das von der DDR neu geschaffen wurde, nachdem ein Bombenangriff am 3.Februar 1945 - also drei Monate vor Kriegsende - die alte Bebauung ausgelöscht hatte. Mit mehr als 900 "Fliegenden Festungen" hat die US Air Force in knapp einer Stunde einen Bombenteppich über die Mitte Berlins gelegt, der ganze Stadtviertel vernichtete. Potsdamer Platz , Anhalter Bahnhof, Leipziger Straße, Invalidenstraße, Wilhelmstraße, Alexanderplatz, Charité, Dom, Schloss, Reichskanzlei, Rotes Rathaus wurden bombardiert. Die Verwaltung in Berlin konnte nur die wichtigsten Straßen frei räumen lassen, zum Teil unter Einsatz von Schneeräumfahrzeugen. Das Wohn- und Industriegebiet von der Lindenstraße bis zur Neuen Jakobstraße, der Köpenicker Straße, der Gitschiner Straße und der heutigen Heinrich-Heine-Straße wurde für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Man baute eine Mauer um dieses Gebiet, weil man es als potentielles Rückzugsgebiet für Zwangs- und Fremdarbeiter ansah. Eine Mauer als Symbol der Hilflosigkeit, so wie die Akzisemauer, die (auch) gegen desertierende Soldaten helfen sollte und die DDR-Mauer, mit der Menschen eingeschlossen wurden.

Spiegel Online berichtete 1999, dass die Amerikaner im 2.Weltkrieg die Bombardierung Berlins an Mietskasernennachbauten probten, die in der Wüste von Utah von dem aus Deutschland emigrierten jüdischen Architekten Erich Mendelsohn errichtet worden waren. Die Alliierten wollten in Berlin einen "Feuersturm entfachen, bis das Herz Nazi-Deutschlands aufhört zu schlagen", und testeten dafür zusammen mit Technikern von StandardOil die Brandeigenschaften von Arbeiterhäusern an Hand exakter Abbilder, die der große Architekt der 1920er Jahre (Potsdamer Einsteinturm, Metallarbeiterhaus, Mossehaus, Schaubühnenkomplex) für diesen Zweck in die Wüste gesetzt hatte. Die "German Village" steht heute noch in der Nähe von Salt Lake City.

Im Heinrich-Heine-Viertel baute die DDR in industrieller Bauweise, die Häuser wurden als Zeilenbauten oder "Wohnscheiben" in den Raum gestellt. Darin unterschieden sich Ost und West nicht, in der ersten Nachkriegsphase löste man sich vom Stadtquartier und Stadtgrundriss und baute Hochhäuser, die Urbanität vermissen ließen und sich nicht um menschlichen Zusammenhalt kümmerten. In die Lücke, die der Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße gerissen hat, hat sich nach der Wende eine Lidl-Verkaufshallenschachtel gesetzt, die baulichen Übergänge und Zusammenhänge zwischen Ost und West entwickeln sich aber nach und nach, wie die Baukräne am Luisenstadt-Ensemble andeuten.

Was liegt noch an unserem Weg? Eine Kirche ohne Namen in der Annenstraße, gebaut vom Berliner Stadtbaurat Hermann Blankenstein, dessen Markthallen und Krankenhausbauten bekannter sind. Eine seiner Markthallen, die Nummer VII, finden wir auf diesem Spaziergang an der Dresdner Straße gegenüber dem Alfred-Döblin- Platz. In der Sebastianstraße einige Häuser mit Neorenaissance-Fassaden, die dem Bombardement entkommen sind. Und mit dem U-Bahnhof Moritzplatz eine Station, die ausnahmsweise nicht von Alfred Grenander, sondern von Peter Behrens errichtet wurde, dem Hausarchitekten und Designer der AEG.

Zum guten Schluss sitzen wir in einem rundum geschlossenen Innenhof des Italieners, der von seinem Innenraum einen schmalen internen Durchgang zu der Bar "Würgeengel" nebenan hat. Dieser Durchgang, der dem Personal vorbehalten ist, hatte es mir schon beim letzten Besuch angetan, und so zwänge ich mich wieder hindurch, und - von einer Barfrau des Würgeengels verwarnt - wieder zurück. Das Essen des nach einer Schimmelkäsesorte benannten Italieners ist akzeptabel, die Bedienung findet regelmäßig den Weg zu den etwas abgeschoben sitzenden Hofgästen, und so trinken wir einen Wein mehr als sonst (was nicht bedeutet: mehr als wir vertragen würden).
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Im Text erwähnte Ziele:
Karstadt-Kaufhaus am Hermannplatz: Paläste über und unter der Erde
Phantombahhof Voltairestraße: Ich sagte: Wir möchten mit
U-Bahnhof Voltastraße (Peter Behrens): Gemeingefährliche Bestrebungen
Hermann Blankenstein und die Markthallen Blankenstein, Hermann Stadtbaurat
früherer Besuch im "Würgeengel": Bierfreund und Bierhimmel


Zerlegt - versetzt - wieder aufgebaut
Unglücklicher Fall eines Steines