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Die Körper verhüllt vom Kinn bis zu den Knöcheln


· Stadtteil: Mitte
Bereich: Klosterviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Littenstraße
Datum: 12.3.2018 (Update zu 21.1.2008)

Im Klosterviertel sind Überreste der mittelalterlichen Stadtmauer auf einem Streifen zwischen Littenstraße und der parallel dazu verlaufenden Waisenstraße erhalten. Die Littenstraße führte ursprünglich als Neue Friedrichstraße in weitem Bogen um die Altstadt herum bis zur Friedrichsbrücke gegenüber der Museumsinsel und zeichnete damit den Verlauf der ehemaligen Stadtmauer mit dem Königsgraben nach.

Durch den Neubau des Fernsehturms und des Ost-Berliner Stadtzentrums wurde der Straßenverlauf zu DDR-Zeiten an der Grunerstraße unterbrochen. Der 2015 vorgelegte Bebauungsplan-Entwurf beklagt, dass dadurch "aus einem vormals urbanen, stadtgeschichtlich bedeutsamen Stadtviertel ein unwirtlicher verkehrsgeprägter Bereich geworden" ist. Südlich der Grunerstraße verblieb der 1951 in Littenstraße umbenannte Straßenabschnitt.

Das Graue Kloster
Zwischen Littenstraße und Klosterstraße steht die Ruine der Klosterkirche, die einmal zum Grauen Kloster gehörte. Der Name verweist auf die grauen Kutten der hier wirkenden Franziskanermönche ("Wollstoff, dunkelgrau, verhüllt die Körper vom Kinn bis zu den Knöcheln"). Das Kloster wurde 1271 errichtet, Stifter waren die Brandenburgischen Markgrafen und der Tempelritter Jacob von Nybede, der mit seiner Ziegelei am Tempelhofer Berg (Kreuzberg) die Klosterkirche als ersten Backsteinbau Berlins möglich machte.

Die Klosteranlage gehörte zu den wichtigsten mittelalterlichen Bauwerken der Stadt. Im Zuge der Reformation wurde das Kloster aufgelöst (säkularisiert). Die Kirche wurde im 2.Weltkrieg schwer beschädigt, sie ist nur als Ruine erhalten. Die verbliebenen Klostergebäude hat die DDR während des "sozialistischen Stadtumbaus" abgerissen, um die Grunerstraße anzulegen.

Gymnasium zum Grauen Kloster
Das Franziskanerkloster bestand bis 1539. Nach der Säkularisierung und dem Tod des letzten hier lebenden Franziskaners wurde in einem Teil der Klostergebäude eine Schule eingerichtet. Durch die Zusammenlegung mit zwei Pfarrschulen und dem Cöllnischen Gymnasium entstand Berlins höchste Bildungseinrichtung. Anbauten und Erweiterungen in märkischem Backstein fügten sich harmonisch in die Backsteingotik des Klosters ein.

Die Schule gab sich bereits bei der Eröffnung weltoffen und erstaunlich demokratisch, sie sollte auch "fremden ausländischen Knaben" und "Arm und Reich" zur Verfügung stehen. (Nur Mädchen mussten bis 1923 warten, bis auch sie hier lernen durften). Mittellose Schüler bekamen kostenlose Verpflegung und lebten in der Kommunität, einer Art Internat. Zu berühmten Schülern des "Gymnasiums zum Grauen Kloster" gehörten Bismarck, Schinkel, Schadow und der Turnvater Jahn.

Durch "Visitationen" der Kirchen hatten Brandenburgische Kurfürsten mehrfach herausgefunden, dass die Berliner Pfarrschulen Missstände aufwiesen und die Schüler mit Dienstleistungen für die Pfarrer bzw. die Pfarrei belastet waren, z.B. den Chorgesang bei Gottesdiensten, Beerdigungen usw. Das hinderte Friedrich den Großen später nicht daran, die Schüler für den Chor seines neuen Opernhauses Unter den Linden dienstzuverpflichten.

Für die Lehrer war die Schule zu Anfang ein Sprungbrett zu akademischen wissenschaftlichen Tätigkeiten oder besser bezahlten Pfarrstellen. Mit zunehmendem Ansehen wurde der Lehrkörper "internationaler". Der Unterricht wurde modernisiert, der ausufernde Privatunterricht der Lehrer abgeschafft. Die bis dahin übliche Versetzung in einzelnen Fächern wurde zugunsten eines Klassenverbundes aufgegeben. Prüfungen, Zeugnisse und das Abitur wurden eingeführt. Im 18.Jahrhundert standen auf dem Stundenplan Philosophie, Geschichte, Französisch, Englisch, Italienisch. Die Schule entwickelte sich zur angesehensten Bildungseinrichtung des Berliner Bürgertums.

Einhundert Jahre nach der Gründung des Gymnasiums wurde der Grundstock zu einer eigenen Bibliothek gelegt, die mehrfach durch Stiftungen und Erbschaften wesentlich erweitert werden konnte. Überhaupt waren Sponsoren und Mäzene viel mehr als dies heute üblich oder selbstverständlich ist, wesentlich an der Weiterentwicklung der Schule beteiligt. Man denke an das Sponsorentum in den USA, das einen Teil der bei uns staatlichen Aufgaben finanziert, weil die Bürger ganz selbstverständlich nicht nur an sich selbst sondern auch an die Gemeinschaft denken und dies bereits durch die Erziehung vorgegeben wird.

Die Bestände der Schulbibliothek, die den 2.Weltkrieg überdauert haben, sind jetzt in der Berliner Zentralbibliothek untergebracht. Kunstwerke aus der Klosterkirche wurden an andere Kirchen und an das Märkische Museum weiter gegeben.

Das Gymnasium wurde in der DDR zur "Erweiterten Oberschule", es verlor seinen historischen Namen und wurde 1982 ganz aufgelöst. Im Westen der Stadt übernahm das Evangelische Gymnasium Schmargendorf die Tradition und den Namen, so dass es seit 1963 als "Evangelisches Gymnasium zum Grauen Kloster" besteht.

Leonhard Thurneysser
In einem Bereich des Klosters lebte ab 1571 dank kurfürstlicher Gnade Leonhard Thurneysser: Goldschmied, Alchimist, Astrologe, Mediziner, Schneidekünstler (Chirurg), Naturforscher, Botaniker, Zoologe, Bergbauinspektor, Minenbesitzer, Buchdrucker. Ein universeller Geist, fast ein Doktor Faustus, für andere war er ein Scharlatan und Betrüger. Thurneyssers Auftreten war den Mitgliedern der Ständegesellschaft unheimlich. Stets schwarz gekleidet in Samt und Seide, mit goldenen Ketten behängt, bei der Kutschfahrt von nebenher laufenden Edelknaben flankiert.

Die kränkelnde Gemahlin des Kurfürsten Johann Georg hatte er geheilt, deshalb durfte er in einem Teil des Grauen Klosters Wohnung, Laboratorien und Bibliothek einrichten und eine Druckerei betreiben. Da war der aus Basel stammende Thurneysser bereits 40 Jahre alt, hatte viele Länder gesehen, viele Berufe ausgeübt und seine Beobachtungsgabe geschärft.

Thurneysser betrieb er einen Großversand und Handel mit Arzneimitteln, kosmetischen Produkten, Druckerzeugnissen, Horoskopen, Almanachen, Talismanen. Das war so eine Art "Amazon" des 16. Jahrhunderts. Er untersuchte den Metall- und Mineraliengehalt der Flüsse, der Spree dichtete er Goldvorkommen an. In einem Turm des Klosters hatte er ein kleines Observatorium eingerichtet. Der Klostergarten wurde Berlins erster botanischer Garten mit seltenen Pflanzen und zoologischer Garten mit exotischen Tieren.

Auf der Steinernen Chronik, dem umlaufenden Fries am Roten Rathaus mit 36 Terrakotta-Tafeln über die Entwicklung der Stadt, ist auch die Druckereiwerkstatt von Leonhard Thurneysser dargestellt. In der Druckerei wurden nicht nur seine eigenen Werke hergestellt. Für den Druck standen deutsche, lateinische, griechische, hebräische und arabische Schriftzeichen zur Verfügung.


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Mehr als 200 Mitarbeiter soll er in den besten Zeiten in seiner Druckerei beschäftigt haben. Dank versierter Fachleute konnte er seine Bücher mit vortrefflichen Stichen schmücken.

Zum Schluss nahm er sein unstetes Leben wieder auf, ging nach Basel zurück und heiratete dort seine dritte Ehefrau. Doch damit hatte ihn sein Glück verlassen, sie war nach seinen eigenen Worten "eine ehrvergessene Blutschandhure und Giftköchin". Er verwarnte sie: "Ich verbiete dir keins wegs mit ehrlichen Personen dich zuersprachen, aber an Arß und Futt dich zubetasten und die Tutten herauß ziehen zu lassen, wird dir von mir nicht vergunt werden". Im Endeffekt brachte sie sein ganzes Vermögen an sich, er starb mittellos nach einem weiteren unruhigen Wanderleben.

Klosterkirche
Die Franziskaner-Klosterkirche war ein Bauzeugnis mittelalterlicher Klosterkultur in Berlin. In ihr wurden Markgrafen und ihre Gemahlinnen, aber auch Adlige und bedeutende Bürger der Stadt beigesetzt, unter anderem auch Anna, die zweite Frau von Leonhard Thurneysser. Er hatte die Kirche nach der Reformation auf eigene Kosten vor dem Verfall gerettet.


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Im Zweiten Weltkrieg wurde die Klosterkirche durch eine Luftmine stark beschädigt. Weitere Beschädigungen sind 1951 eingetreten, als die Ost-BVG eine Verbindung vom U-Bahnhof Klosterstraße zum Tunnel unter der Waisentraße herstellte, um ihr Netz im Ostteil autark zu machen.

Bei unserem heutigen Besuch steht ein "absurdes funktionsloses Interieur" in der Ruine, ein gigantischer, zehn Meter hoher Heizkörper ohne Inhalt. Diese "sinnentleerte maschinenhafte Skulptur" haben die beiden Künstlerinnen - sie studierten in Weißensee - im Rahmen der bezirklichen Kunstaktion "statement & dialoque“ aufgestellt. Sie erwarten, dass der "Radiator" in dem "konservatorisch erstarrten Baufragment" gedankliche Wärme ausstrahlt, doch das kann vielleicht nicht jeder Betrachter nachvollziehen.

Vor der Klosterkirche stehen drei weitere Kunstwerke: "Mutter und Kind" von Theo Balden und "Pietà", Künstler unbekannt, sowie eine Christusfigur von Fritz Cremer.

Christus steigt vom Kreuz herab
An Karfreitag darf der Film "Das Leben des Bryan" nicht gezeigt werden - ein satirischer Film, der respektlos mit dem christlichen Glauben umgeht. Wenn Sie an einem Karfreitag an der Ruine der Klosterkirche vorbeikommen, sollten Sie besser wegschauen, sonst könnten ihre religiösen Gefühle durch die Christus-Skulptur von Fritz Cremer verletzt werden.

Christus steigt vom Kreuz herab und zieht sich dabei die Dornenkrone vom Kopf. Der nackte, bis hin zu seiner Männlichkeit kräftig gebaute Mann, den Cremer modelliert hat, steigt aus dem Leiden aus, das ihn zum Märtyrer macht, und kehrt in das Leben zurück. Ein Aufbegehren gegen die ihm zugeschriebene Rolle, ein Befreiungsakt, den die Ost-Berliner Kirche nicht mittragen wollte.


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Die Christophoruskirche in Friedrichshagen - der die Skulptur zugedacht war - verweigerte die Annahme, die Sicht des marxistisch geprägten Künstlers auf den Gekreuzigten entsprach nicht ihren Erwartungen. Am neuen Standort vor der Kirchenruine in Mitte gab es keine Gemeinde, die sich dagegen wehren konnte. Andeutungsweise erinnert der Protest an eine "gotteslästerliche" Christusdarstellung, die die Kaulsdorfer katholische St. Martin-Kirche 1930 abhängen ließ. Allerdings nicht, weil Christus sich dort aus seiner Rolle verabschiedete, sondern wegen der "schauerlich realistischen" Ästhetik der Christusfigur.

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Vörgängerin der Littenstraße: Neue Friedrichstraße (gelb)
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