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Botschaften der DDR-Bruderländer


Stadtteil: Mitte
Bereich: Unter den Linden
Stadtplanaufruf: Berlin, Mauerstraße
Datum: 18. März 2013

Wie sah das Botschaftsviertel der DDR aus? Wo saßen die sozialistischen Brüder, die bis 1972 fast als einzige Staaten Botschaften in Ost-Berlin unterhielten? Architektonisch sind wir damit auf der Spur der Nachkriegsmoderne im Ostteil der Stadt, räumlich bewegen wir uns zwischen Leipziger Straße und Unter den Linden. An einem späteren Tag wird uns ein Spaziergang ins DDR-Botschaftsviertel nach Pankow führen.

Bevor das Deutsche Reich 1871 gegründet wurde, waren Botschafter und Gesandte fremder Fürsten bei Hofe akkreditiert. Allerdings war der europäische Kontinent um 1800 in rund 500 Königreiche, Fürstentümer, Herzogtümer und Grafschaften zersplittert, nur wenige hielten ständige Verbindung miteinander. Danach begann das Zeitalter der Profi-Diplomaten und erst ab 1871 waren fast alle europäischen Staaten in Preußens Hauptstadt vertreten (1). Sie siedelten sich im Regierungsviertel an der Wilhelmstraße an oder errichteten Botschaftsgebäude Unter den Linden oder im Alsenviertel im Spreebogen, nachdem dort die Akzisemauer gefallen war. Das Alsenviertel fiel 1938 den Planungen von Albrecht Speer für die "Welthauptstadt Germania" zum Opfer (2), dafür wurde im Dritten Reich ein neues Botschaftsviertel an der Tiergartenstraße errichtet (3).

Zu Anfang kamen die Diplomaten ohne große Verwaltungsabteilungen aus. Die Botschafter mieteten hochherrschaftliche Wohnungen, Villen oder Stadtpalais', um ihr Land standesgemäß zu repräsentieren. Neubauten kombinierten die vielfältigen Berliner Stilformen beispielsweise des Historismus mit fremdländischen Einflüssen der vertretenen Länder. Mit steigenden Raumbedürfnissen wurden Konsulate und Wohnungen für Botschaftsangehörige in die Botschaften räumlich integriert oder an anderer Stelle zusätzlich geschaffen.

Mit dem Zweiten Weltkrieg endete Berlins Ära als internationales Parkett. Nach Kriegsende hatte West-Berlin ein weitgehend zerstörtes Botschaftsgelände im Tiergarten, ohne es zu brauchen, denn die Botschaften waren nach Bonn abgewandert. Ost-Berlin hatte in Mitte viele kriegbeschädigte Botschaften, die meist ebenfalls nicht gebraucht wurden, weil die DDR erst 1972 von den nicht verbündeten Staaten anerkannt wurde. Aber der große Bruder war hier Unter den Linden vertreten. Russland hatte 1837 - noch zur Zarenzeit - ein Stadtpalais für seine Botschaft gekauft und umbauen lassen, 1949 wurde nach Kriegszerstörung an gleicher Stelle ein monumentaler und prunkvoller Neubau errichtet (4). Einladungen in diese Botschaft waren übrigens zu allen (guten) Zeiten ein gesellschaftliches Berliner Ereignis, auch heute wieder. Nur für die DDR-Oberen dürfte es manchmal nicht lustig gewesen sein, wenn sie zum Rapport in die Botschaft bestellt wurden.

In Sichtweite des Brandenburger Tores, an der Ecke Unter den Linden/Wilhelmstraße, hat Ungarn 1965 ein Botschaftsgebäude errichtet, das als Zeugnis der DDR-Nachkriegsmoderne ("International Style") sogar Eingang in die Denkmaldatenbank nach der Wende fand. Es bestand aus industriell gefertigten Betonmulden mit vorgehängter Glasfassade. Für das geeinte Deutschland empfand Ungarn seinen Botschaftsbau als unzeitgemäß, zu groß, nicht repräsentativ genug und durfte ihn - Denkmalschutz hin oder her - aufgrund einer politischen Entscheidung des Berliner Senats abreißen und durch einen Neubau ersetzen. Die "gläserne Ecke" des Neubaus und das Attikageschoss werden als markanter Blickpunkt gepriesen. Das für eine Botschaft eher untypische "Ladengeschoss" - in dem sich auch eine öffentlich zugängliche Galerie befindet - nimmt die typische Gliederung der Gebäude Unter den Linden auf.

Ein paar Grundstücke weiter geht die polnische Botschaft einem ungewissen Schicksal entgegen. Der Stahlskelettbau mit vorgehängter Glas- und Metallfassade wurde 1964 von der DDR errichtet. Fritz Kühn entwarf für den Eingang 244 Lindenblätter aus Stahl, auf einem Blatt lässt sich ein kleiner Vogel nieder. Diese seriell wirkenden Metallelemente sind Unikate, keines gleicht dem anderen. Die Fassade besteht aus durchgehenden horizontalen Fensterbändern. Sieht man sich die Fenster näher an, dann entdeckt man, dass die Chicagoer „Bay Windows“ von Sullivan zitiert werden, die aus einem betonten, hervorgehobenen Mittelfenster und zwei schmaleren Seitenfenstern bestehen. Polen ist nach der Wende mit seiner Botschaft nach Grunewald ausgewichen, am Gebäude Unter den Linden sind keine Aktivitäten für eine Rückkehr zu entdecken.

In der Mohrenstraße an der Ecke Wilhelmstraße hatte Tschechien 1978 ein Botschaftsgebäude errichtet, das wegen seiner Nähe zur Grenze nach West-Berlin in einer toten Ecke lag und deshalb wenig Aufmerksamkeit bekam. Der Bauplatz gegenüber der Reichskanzlei Hitlers war allerdings sensibel, den Wilhelmplatz hatte die DDR aus dem Stadtgrundriss getilgt (5). Die Reichskanzlei an der Wilhelmstraße, Göbbels Propagandaministerium und das Hotel Kaiserhof am Wilhelmplatz hatte man abgeräumt. Die neue Botschaft mit ihren düsteren Farben und den undurchdringlichen Fenstern hat eine plastisch ausgeprägte erste Etage, die aus dem übrigen Baukörper heraustritt. Über einem Luftgeschoss erhebt sich dann ein Gebäudekubus mit drei Etagen. Wenn man den Architekturstil als "Brutalismus" bezeichnet, dann geht das - anders als man vielleicht zunächst vermuten könnte - auf "béton brut" zurück, also rohen Beton, der unverkleidet mit allen Unebenheiten und Abdrücken sichtbar bleibt.

An der Mohrenstraße und um die Ecke zur Glinkastraße schließen sich zwei Gebäude Nordkoreas an, die 1974 von der DDR als individuelle Plattenbauten errichtet wurden. Aus der Botschaft wurde nach der Wende ein "Büro für den Schutz der Interessen" Nordkoreas, das ins angrenzende Wohnhaus umgezogen ist. Das eigentliche Botschaftsgebäude wird jetzt von einem Jugendhotel genutzt. Vor dem Botschaftsgelände auf dem Bürgersteig sind die Grundflächen der nicht mehr vorhandenen Dreifaltigkeitskirche von 1739 markiert, ähnlich wie die Umrisse der Bethlehems-Kirche von 1737 etwas südlicher an der Mauerstraße.

Durch ein Eckgrundstück wird ein Gebäude besonders in Szene gesetzt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass wir heute mehrere Botschaften an Straßenkreuzungen und -einmündungen finden. Auch die Bulgarische Botschaft an der Leipziger Ecke Mauerstraße hat eine so prominente Lage, umfasst sogar den Straßenblock bis zur Ecke Krausenstraße. An der Leipziger und der Mauerstraße ist der Gebäudekomplex um mehrere Meter zurückgesetzt, eine schmale Grünfläche verbindet sich mit dem Straßenland. Die Gebäudeecke ist großzügig diagonal abgeschnitten, nach der Wende wurde hier die Skulptur "breaking the wall" aufgestellt: Zwei Männer, der vordere streckt seine Arme der Freiheit entgegen, sein Begleiter ist von der Zeit hinter der Mauer gezeichnet, ihm fehlen Kopf und Arme. In dem Gebäudekomplex sind das gestalterisch und farblich hervorgehobene Botschaftsgebäude und Wohnungen für Botschaftsangehörige untergebracht.

Die Bundesrepublik sah es als "unfreundlichen Akt" an, wenn ein Land gleichzeitig diplomatische Beziehungen zu ihr und zur DDR unterhalten wollte ("Hallstein-Doktrin"). Damit war die DDR außenpolitisch isoliert, aber auch Westdeutschland schränkte sich selbst durch diese unflexible Haltung ein. Gegenüber Jugoslawien, Kuba und Ägypten brach die Bundesrepublik die Beziehungen ab, in anderen Fällen begann ein Wettlauf der beiden deutschen Staaten um diplomatische Beziehungen. Das änderte sich erst durch den Grundlagenvertrag von 1972 zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Jetzt wollten viele Länder Botschafter nach Ost-Berlin schicken, dafür mussten aber erst die nötigen Botschaftsbauten bereitgestellt werden. Wie das bewältigt wurde, zeigt unser Besuch im Pankower Botschaftsviertel, den Sie hier finden: DDR-Botschaftsviertel in Pankow

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(1) mehr über Botschaften: Botschaften
(2) "Welthauptstadt Germania": Welthauptstadt Germania
(3) Botschaftsviertel Tiergartenstraße: Botschaften und Vertretungen
(4) Russische Botschaft Unter den Linden: Goodbye Lenin
(5) Mohrenstraße und Wilhelmplatz: Zietenplatz, Voßstraße



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Es folgen ZWEI BILDERGALERIEN, eine mit den Botschaftsgebäuden
und eine zweite mit anderen Themen, die uns auf dem Rundgang begegnet sind.
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Die Botschaften


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... und hier sind weitere Bilder ...
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