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Doktor bei den Samaritern


Stadtteil: Friedrichshain
Bereich: Samariterviertel
Stadtplanaufruf: Berlin, Schreinerstraße
Datum: 12. November 2012

"Er schoss, sie lud nach: Bonnie und Clyde waren brutal, jung, tödlich ineinander verliebt - und wurden zum berühmtesten Gangsterduo Amerikas" schrieb der Spiegel, "Bonnie selbst schoss wohl nie, aber sie soll verdammt gut im Nachladen gewesen sein". Gangster stehen als Outlaws außerhalb des Gesetzes durch Auflauern, Überfallen, Erpressen, Rauben, Schießen, Erbeuten, Türmen. Fasziniert, manchmal mit Schaudern, manchmal mit klammheimlicher Freude und Sympathie verfolgt das Publikum ihr Treiben. Als Bonnie und Clyde beerdigt wurden, kamen zwanzigtausend Schaulustige. Mehrfach wurde ihre Story verfilmt, erstmals von Fritz Lang in seinem amerikanischen Exil („You Only Live Once“, 1937 mit Henry Fonda). Die Berliner Brüder Sass genossen als Gentlemen-Ganoven besondere Sympathie, brachen sie doch in unknackbare Banktresore ein und gaben von der Beute auch an die Armen ab (--> 1). In der Dreigroschenoper hat Brecht diese Sympathie auf die Formel gebracht: "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?". Der Kaufhaus-Erpresser Dagobert faszinierte durch phantasievolle technische Tricks genauso wie durch die legendären Misserfolge der Polizei, die schon mal in einem Haufen Hundekacke ausrutschen konnte, als er buchstäblich zum Greifen nahe war.

Gangster werden durch ihre Umwelt geprägt. Das gilt für die Jugendgang in der West-Side-Story genau wie für den Mafia-Boss Al Capone in Chicago während der Prohibition. Die unmittelbare Nachkriegszeit in Ost-Berlin vor Gründung der DDR war kein Chicago, aber der 18-jährige Werner Gladow eiferte seinem Idol Al Capone nach mit zwei Morden, fünfzehn Mordversuchen, schwerem Straßenraub und unzählige Raubüberfällen mit Waffengewalt. Vor dem Gesetz sind alle gleich, aber sind auch alle vor dem Leben gleich? Wohl kaum, und so ging die Geschichte auch unterschiedlich aus: Al Capone wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt, weil man ihm nichts anderes nachweisen konnte, Gladow dagegen endete unter dem Fallbeil, das nach zwei Fehlversuchen erst beim dritten Mal funktionierte. Auf makabre Weise wurde damit die mehrfache Todesstrafe an ihm tatsächlich ausgeführt.

Wer wäre in der DDR auf die Idee gekommen, bei einem Raubüberfall Mark der DDR-Notenbank zu erbeuten? Luxus konnte man davon nicht kaufen, und in Dollars umtauschen ging auch nicht. In der Zeit bis zur Währungsreform 1948/1949 sah das anders aus, da gab es weiterhin die Reichsmark als Einheitswährung in Ost und West, eine Schattenwirtschaft durch einen florierenden Schwarzmarkt und den ungehinderten Zugang in die amerikanische, britische, französische Zone über die Sektorengrenze. Werner Gladow wohnte im Ostsektor in Friedrichshain, er dealte auf dem Schwarzmarkt des Alexanderplatzes mit Hehlerware. Filme über Al Capone brachten ihn auf die Idee, schneller als mit dem geplanten Medizinstudium - die Kumpels nannten ihn deshalb "Doktorchen" - reich zu werden. Ein wichtiger Tippgeber war "Henker-Hannes", der Scharfrichter Gustav Völpel, der nebenbei als Hehler Karriere gemacht hatte. Mit 352 Straftaten der Gladow-Bande beschäftigte sich am Ende das Gericht, es waren vor allem bewaffnete Überfalle: Ware aus Juwelierläden und Fotogeschäften (die erste gestohlene Kamera war eine Attrappe), mehrere Autodiebstähle, der Griff in die Kasse von Geschäften, immer wieder die Entwaffnung von Volkspolizisten. Brutal setzte die Bande ihre Ziele durch: Ein Ladeninhaber wurde durch Feuer unter den nackten Fußsohlen gefoltert, ein Chauffeur bei einem Autodiebstahl erschossen und aus dem Auto geworfen, mehrfach wurden Menschen bei Überfällen angeschossen.

Auch Prominente in Ost und West waren nicht sicher vor der Gladow-Bande. Wilhelm Piecks Sohn fuhr eine BMW-Limousine, die Gladow-Bande klaute dieses auffällige Gefährt, dessen Diebstahl allerdings von dem Halter nicht angezeigt wurde. Eine unmittelbare Nachbarin des Westberliner Polizeipräsidenten Stumm wurde von der Gladow-Bande in ihrem Haus überfallen, misshandelt und beraubt, beim Polizeipräsidenten besorgten sie sich unbemerkt die Leiter zum Einsteigen. In Berlin herrschte kalter Krieg, es war die Zeit der Blockade, Polizei Ost und West arbeiteten nicht zusammen, an der Sektorengrenze war Schluss mit der Verfolgung, wenn die Polizei hinter der Bande her war. So waren "Doktorchen", "Nase", "Bomme", "Seppl", "Sohni", "Atze", "Mäcki" und wie die Bandenmitglieder noch hießen, erst im Juni 1949 aufgeflogen. In der Schreinerstraße 52, in der Wohnung von Gladows Eltern, griff die Volkspolizei zu. "Doktorchen" verteidigte sich mit zwei Pistolen, die von seiner Mutter nachgeladen wurden, bis er nach einer Stunde verhaftet wurde. Angeschossen hatte er in den Spiegel gesehen und war daraufhin ohnmächtig geworden. Begleitet von einer Polizeieskorte wie ein Staatsgast wurden die Bandenmitglieder in der Torstraße 146 (damals Reichsbahndirektion, anfangs Jüdisches Krankenhaus, danach Polizeipräsidium, heute leerstehend) vor Gericht gestellt, Gladow und zwei weitere Bandenmitglieder erhielten Todesstrafen, die auch vollstreckt wurden. Der Gutachter hatte Gladow jugendliche Unreife bescheinigt, trotzdem wurde Erwachsenen-Strafrecht angewendet, weil er ein "charakterlich abartiger Schwerverbrecher ist und der Schutz des Volkes diese Behandlung fordert". Damit hatte man das Unsozialistische ausgerottet, wie das "Neue Deutschland" gefordert hatte: "Unsere Jugend soll keine Gladow-Bande mehr kennenlernen."

In der Schreinerstraße - wo Gladow wohnte - sind wir mitten im Samariterviertel, dem unser heutiger Stadtspaziergang gilt. Es liegt am östlichen Rand von Friedrichshain, angrenzend an Lichtenberg. An der Liebigstraße war vor einem Jahr ein besetztes Haus geräumt worden, die Spuren dieser Auseinandersetzung sind heute noch sichtbar und fühlbar. Es geht um Veränderung, Verdrängung, Immobilienrendite, Gentrifizierung. Spielen sich Linksradikale als "Kiezblockwarte" auf, die anderen ihren Lebensentwurf aufzwingen wollen, oder geht es um einen neuen Reformanstoß? In den 1980er Jahren haben "Instandbesetzungen" (--> 2) zur behutsamen Stadterneuerung im Rahmen der Bauausstellung 1984/1987 geführt (--> 3), sind die Hausbesetzungen eine Möglichkeit, heute auf Wohnungsmangel und Verdrängung einzuwirken? Gerade haben Senioren im ehemaligen DDR-Prominentenkiez Majakowskiring (--> 4) 111 Tage lang ihre Begegnungsstätte an der Stillen Straße besetzt, damit die Schließung verhindert und ein Zeichen gesetzt. Was Wohnungen betrifft, scheint das Thema beim Senat angekommen zu sein, der soziale Wohnungsbau soll wiederbelebt werden, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Das Samariterviertel war Sanierungsgebiet, der Mieterbund lobt, dass hier die Sanierung beispiellos gut verlaufen ist. Kleinstwohnungen wurden zusammen gelegt, das Nebeneinander verschiedener Bevölkerungsgruppen blieb erhalten, das Viertel ist familienfreundlich, es ist grüner geworden, hat mehr Spielplätze. Etwa zehn ehemals besetzte Häuser sind legalisiert, die Szene um die Rigaer Straße ist aber "noch sehr präsent".

Im Samariterviertel liegen zwei denkmalgeschützte Wohnsiedlungen mit gegensätzlichem Charakter. Alfred Messel, der die Weisbachsiedlung nur einen Kilometer nordwestlich von hier errichtet hat (--> 5), baute an der Proskauer Ecke Schreinerstraße eine weitere Wohnanlage im Reformwohnungsbau. Angrenzend an der Bänschstraße wurde dagegen von der Actien-Gesellschaft Berliner Neustadt eine äußerlich repräsentative Anlage mit parkartigem Mittelstreifen geschaffen, an der aber hinter aufwendigen Fassaden Wohnungen entstanden, die dem Hauseigentümer zu Lasten der Wohnqualität möglichst hohe Rendite versprachen.

"Liebe = Leben" ist mit Kreide auf den Bürgersteig geschrieben. Eine junge Frau, ihr Fahrrad schiebend, lächelt, als ich sie darauf anspreche und meint dann: Kann schon stimmen.

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(1) Brüder Sass: Der Regent an seinem Platz
(2) Hausbesetzungen, behutsame Stadterneuerung: Gesetzestreue Steinewerfer
(3) Bauausstellung IBA 1984/87: IBA 1984/1987
(4) DDR-Politzirkel am Majakowskiring: Sonderzug nach Pankow
(5) Messel, Weisbachsiedlung: Verbesserung des Zustandes der Fabrikarbeiter


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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Brücke mit Romantikfaktor
Biermord hinter der Brauerei