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Zwei Piloten und ein Bürgermeister


Stadtteil: Wilmersdorf
Bereich: Grunewald, Halensee
Stadtplanaufruf: Berlin, Trabener Straße
Datum: 16. Februar 2015
Bericht Nr: 496

Die Geschichte zweier Flugpioniere kommt auf unserem heutigen Rundgang ins Blickfeld. "Mr. Rosinenbomber" lebte in der Trabener Straße. Nach Melli Beese - der ersten Frau, die einen Pilotenschein erworben hat - wurde eine kleine Rasenfläche an der Stadtautobahn benannt.

Der Luftbrückenpilot Jack O. Bennett war mehr als nur ein amerikanischer Pilot, der Versorgungsgüter nach Berlin flog, als die Sowjets bei der Berlin-Blockade 1948 den Landweg in die Stadt abgeriegelt hatten. Captain Bennett war der erste Pilot der Luftbrücke, er kannte Berlin vom Studium her und er blieb als einziger Pilot nach der Luftbrücke sein Leben lang in Berlin. Der 34-jährige Luftbrückenpilot hatte 11 Jahre vorher mit einem Rockefeller-Stipendium ein Jahr lang an der Technischen Hochschule Berlin studiert, er war als einziger Amerikaner im Fachbereich Flugzeugbau eingeschrieben. Über die Familie seiner deutschen Freundin lernte er den Reichsluftfahrtminister Göring kennen und beeindruckte ihn so sehr, dass er nach langem Drängen eine deutsche "Messerschmitt" probefliegen durfte. Weder bei den Nazis noch bei der Ost-West-Konfrontation interessierte ihn Politik, er war Flieger.

Als die Blockade Berlins begann, leitete Bennett die Niederlassung einer amerikanischen Fluggesellschaft in Frankfurt am Main. Lucius D. Clay - der amerikanische Stadtkommandant in Berlin - rief ihn dort an und bat ihn, per Flugzeug Kohlen nach Berlin zu transportieren. Wegen des Kohlenstaubs im Flugzeug war er nicht begeistert, man einigte sich auf Kartoffeln. Er ließ alle Sitze aus einer DC-4 ausbauen und flog durch den alliierten Luftkorridor nach Berlin. Die Reaktion der Sowjets auf die Luftbrücke war nicht abzusehen, aber Bennett war ein Abenteurer und flog. Das einzige, wovor er jemals Angst gehabt hätte, seien die Berliner Autofahrer, soll er später einmal gesagt haben, aber da muss es schon mehr Autos in Berlin gegeben haben als zur Zeit der Blockade.

Nach dem Ende der Luftbrücke wurde Bennett Chefpilot der amerikanischen Zivilfluggesellschaft Pan Am und flog weiterhin zwischen Berlin und Westdeutschland. Insgesamt soll er 24.000 Berlinflüge absolviert haben, steht in seiner Biografie "40.000 Stunden am Himmel". Willy Brandt bestand darauf, immer von ihm persönlich nach Bonn geflogen zu werden. Kaum einer kannte Bennett in den USA, in Berlin war er ein Held, dekoriert mit dem Bundesverdienstkreuz. Folgerichtig blieb er in Berlin, kaufte sich am Halensee ein Grundstück - Trabener Str.68a - und lebte dort in einem schicken Bungalow bis ans Ende seiner Tage. Das klingt jetzt wie ein Roman, aber irgend etwas romanhaftes hat die Geschichte des selbstbewussten, gut aussehenden, vom Erfolg verwöhnten Draufgängers, Erfinders (100 Patente) und wandelnden Denkmals ja auch.

Ist eine dreieckige öffentliche Restfläche mit einer Kantenlänge von 70 Metern ein Park? Ist es eine Anlage? Ist ein vom Verkehrslärm der angrenzenden Stadtautobahn verschmutzter Ort eine würdige Gedenkstätte? Wieso findet das Gedenken an diesem Ort statt? Die Melli-Beese-Anlage an der Schwarzenbacher Straße ist der Aufstellort für die "Taube", eine Skulptur von Annelies Rudolph zum Gedenken an Melli Beese. Zwei Flügel, eingefangen in ihrer Bewegung, richten sich gen Himmel. Melli Beese war Pilotin und Flugzeugbauerin, die sich in den Anfangsjahren des Fliegens in dieser Männerdomäne trotz vieler Anfechtungen und Angriffe behaupten konnte (1). Eines ihrer Fluggeräte war die "Beese-Taube", die sie aus der "Rumpler-Taube" weiter entwickelt hatte, die Namensgebung für die Skulptur hat also durchaus Hintersinn. Drei Ehrungen für Melli Beese sind über Berlin verteilt, die beiden anderen sind Straßenbenennungen. Am Flughafen Johannisthal - Wirkungsstätte und Wohnort der Pilotin - gibt es die Melli-Beese-Straße, am Flughafen Gatow im Fliegerviertel die Amelie-Beese-Zeile, hier wird - unüblich - der Taufname Amelie als Vorname verwendet, wahrscheinlich um Verwechslungen zu vermeiden.

Und wo finden wir Hinweise auf einen Bürgermeister bei unserem heutigen Rundgang? Es geht um Willy Brandt, den Regierenden Bürgermeister und späteren Bundeskanzler, der mit dem "Wandel durch Annäherung" und mit den Ostverträgen die Wiedervereinigung möglich gemacht hat. Willy Brandt kam 1946 als Presseattaché der Norwegischen Militärmission aus dem Exil nach Berlin zurück. Ein Jahr später gab er die norwegische Staatsbürgerschaft auf, um den (westdeutschen) SPD-Vorstand in Berlin zu vertreten. In dieser Zeit wohnte er in der Trabener Straße 74, hier fanden auch politische Besprechungen statt, die die Weichen für die weitere Entwicklung stellten. Weitere zehn Jahre später wurde Brandt Regierender Bürgermeister, in dieser Zeit wohnte er am Marinesteig in Schlachtensee (2).

Unser heutiger Rundgang geht am Halensee vor allem an dessen gefühlter Rückseite entlang, der Trabener Straße. Die Orientierung nach Hausnummern ist in dieser Straße nicht einfach, die geraden Hausnummern auf der einen Straßenseite und die ungeraden auf der anderen laufen abschnittsweise nicht synchron, sie sind manchmal um bis zu 15 Hausnummern versetzt, so dass der Trabener Straße 70 die 85 auf der anderen Seite gegenüber liegt. Vom Bahnhof Halensee führt unser Weg über den Rathenauplatz mit Vostells Cadillac-Monument (2a). Die Wiese an der Halenseestraße zum Wasser herunter war als Nacktbadestrand beliebt. Da Regenwasser in den See eingeleitet wird, ist die Wasserqualität so schlecht, dass baden sich hier nicht mehr empfiehlt, sogar verboten ist. Vorbei ist die Zeit, als im Luna-Park - dem großen Vergnügungspark - eine Rutschbahn im See endete (3) und die "dichteste Ansammlung ebenso aufregender wie zugänglicher Frauen" in neuester Bademode im Berliner Gassenjargon "Nuttenaquarium" genannt wurde.

Während sich an der Koenigsallee repräsentative Villen aufreihen, ist an der Trabener Straße die Bebauung etwas gemischter. Wir sehen auf unserem Weg einen orange verputzten Neubau, der Ausstülpungen wie ein Polyp bei der Zellteilung aufweist. Auch ein zum Tempel herausgeputztes Reihenhäuschen mit aufgeklebten dreieckigen Giebelfeldern über den Fenstern und säulenbestandenem Portal fällt ins Auge. Aber es gibt auch eindrucksvolles Erbe zu sehen. An der Ecke Erbacher Straße ist die Villa Dernburg von 1901 erhalten. Der Bankier und Politiker ließ lebensgroßen Figuren in seinem Garten aufstellen. Geschwungene Wege führten um das Gebäude, erschlossen den Garten im Bereich zur Straße und liefen organisch geformt den Hang zum Halensee hinab, um dann wieder zum Haus zurückzugelangen. Dernburg war in der Kaiserzeit Staatssekretär im Reichskolonialamt. Mit einem speziell auf tropische Verhältnisse abgestimmten Auto, dem "Dernburg-Wagen" mit Allradantrieb, bereiste er 1908 die Kolonie Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia). Das Fahrzeug war mit einem damals fortschrittlichen Mobiltelefon ausgestattet: Ein Feldfernsprecher als Zubehör konnte unterwegs überall an die Telegraphenleitung angeschlossen werden.

Die Straßen in diesem Teil der Grunewald-Siedlung sind nach Weinorten benannt. In der Erdener Straße 8 wohnte der Verleger Samuel Fischer (S.Fischer-Verlag) in einer von Hermann Muthesius (4) erbauten Villa. Von hier aus konnte Fischer - so wie er sich das gewünscht hatte - den "tollen Sprüngen der Stadt aus beruhigender Entfernung zuschauen". Hier veranstaltete er einen der wichtigsten Literatursalons im deutschsprachigen Raum, hier traf er sich mit Autoren wie Hugo von Hofmannsthal, Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse, Thomas Mann, Alfred Döblin, Robert Walser. An den Wänden hingen Gemälde von Liebermann, Corinth, Cézanne, van Gogh, Pissaro, Gauguin. Samuel Fischer starb 1934, er wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beerdigt (5). Heute gehört der S.Fischer-Verlag einem der drei Holtzbrinck-Geschwister, die 2009 ihr Verlagsimperium in zwei getrennte Medienkonzerne aufspalteten. Die Villa in der Erdener Straße stellt der private Eigentümer gelegentlich dem Verlag für exklusive Veranstaltungen zur Verfügung, die dann auf "der berühmtesten Terrasse der Literatur" stattfinden.

Von der Koenigsallee führt die Margaretenstraße als kurze Erschließungsstraße an den Halensee. Hier richten zwei exkluve Miethäuser ("Mietvillen") ihren Blick auf den Halensee, der vier Meter hohe Hang wird unten mit einer Steinbalustrade abgefangen. Weitere interessante Bauten finden wir am Koenigssee. Paul Baumgarten, dessen Name sich mit dem Wiederaufbau des Reichstags verbindet, hat 1956 an der Wissmannstraße 12a für Eternit ein Gästehaus gebaut. Ein weiteres Eternit-Haus errichtete er für die Interbau 1957 (Internationale Bauausstellung) im Hansaviertel (6) mit sieben zweigeschossigen Wohnungen. Eternit ("Ewigkeit") war der Faser-Werkstoff, der später wegen Asbestbelastung als gesundheitsgefährdend und krebsverursachend erkannt wurde.

An Türmchen fehlt es den Bauten in der Wissmannstraße am Koenigssee nicht. Rundturm, Zwiebelturm, Oktogonalturm, Straßentürmchen - ganz unterschiedliche Formen sind hier vertreten. Am Haus Nr.12 richten sich zwei hintereinander gestaffelte, geschmückte Giebel und zusätzlich ein Portal mit Tympanon (Dreiecksgiebel) zur Straße. Gegenüber in der Wissmannstraße 11a erbaute Wilhelm Walther eine eigentümliche Villa aus Klinkersteinen mit Pyramidendach und einer meist bei Sakralbauten verwendeten riesigen Rosette als Fenster. Wilhelm Walther, Königliche Baurat, bekannt als Architekt für Versicherungspaläste, Industriebauten und Mietvillen (7), verhob sich mit seinem letzten Bau, einer "fast gigantomanen Villenanlage" an der Koenigsallee 20, in der er seine Architekturauffassung, seine Visitenkarte zeigen wollte. Aufragenden Baumassen, dominierenden Bauglieder und eine kaum steigerbare Anhäufung von Baudekor unterschiedlicher Kulturepochen, antiker Zitate als Dekor und als Inschrift kennzeichnen diesen Bau. Widderköpfe, Girlanden, Putten, Meereswesen, Masken, Pferdegespann, Minerva, Frau mit Schriftrolle, ein konfuser, zusammenhangloser Haufen geflügelter Worte, es ist kaum möglich, alles beschreiben, was man als staunender Flaneur an diesem Bau entdecken kann. Es war zuviel, es war zu teuer, der Architekt ging pleite, Wilhelm Walther nahm sich 1917 das Leben, ein Jahr später war auch das Kaiserreich am Ende, dem er mit seinen Bauten gedient hatte.

TREU IN WORT / WAHR IN RAT / FRISCH IN TAT / GOTT SCHÜTZE DEN BAU. So steht es an seinem letzten Werk. Der Bau hat es überlebt (auch wenn er teilzerstört wurde), der Architekt nicht.

In der Nähe des S-Bahnhofs Halensee, in der Westfälischen Straße, finden wir mit der Trattoria Mineo ein Lokal, das wir gern wieder einmal besuchen werden.

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(1) Mehr über Melli Beese: Beese, Melli
(2) Marinesteig in Schlachtensee: Naturapostel in griechischen Hüllen
(2a) Rathenauplatz, Vostell: Aufgesperrtes Maul
(3) Der Luna-Park in Halensee: Amüsierbetrieb und Toteninsel
(4) Mehr über Hermann Muthesius: Muthesius, Hermann
(5) S.Fischer, Grab auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee: Sucht uns in Eurem Herzen
(6) Mehr über das Hansaviertel: Hansaviertel
(7) Andere Bauten von Wilhelm Walther: Walther, Wilhelm (Architekt)

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route
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