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Wenn Architekten raten, Efeu zu pflanzen


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: Westend
Stadtplanaufruf: Berlin, Halmstraße
Datum: 17. Februar 2020
Bericht Nr.:687

"Ein Arzt kann seine Fehler begraben, ein Architekt kann seinen Kunden nur raten, Efeu zu pflanzen". Der Stararchitekt Frank Lloyd Wright hat diese Erkenntnis formuliert. Mit seinem Namen - wie mit dem anderer hervorragender Architekten - verbindet sich andererseits die Erfahrung, dass Stararchitektur nicht immer gut bewohnbar ist (Beispiel: sein Haus Fallingwater). Das Haus Buchthal in Westend bündelt beide Themen: Es ist von berühmten Architekten geschaffen worden und wurde von den Bewohnern umgebaut, weil sie sich häufig an den kristallinen Raumobjekten gestoßen haben, und das im körperlichen Wortsinn.

Haus Buchthal
Ein expressionistisches Architekturgebilde hatten die Brüder Luckhardt als Erstlingswerk geschaffen für die Familie des Konfektionärs und Kunstsammlers Buchthal. Auf dem Eckgrundstück Lindenallee Ecke Halmstraße entstand 1922 ein V-förmiges Gebäude mit abgeschrägtem Eingangsbereich mit breiten Pfeilern und gezackten Doppelgiebel. Im Haus kantige Räume in kräftigen Farben, das Wohnzimmer in blau, Esszimmer in orange-violett und das Musikzimmer mit grünen Pfeilern und kräftig-gelben Wänden.

Nach fünf Jahren hatten die Bewohner genug von blauen Flecken, sie ließen das Gebäude in ein schlichtes, helles, geradliniges und zurückhaltendes Anwesen umbauen. Dem Eingangsbereich wurde eine glatte Verschalung vorgesetzt, die ihn zu einem massiven Quader werden ließ. Der Architekt Ernst Ludwig Freud, Sohn des Altvaters der Psychoanalyse, übernahm den Umbau im Stil der Neuen Sachlichkeit. Ob Architekt oder Bauherr der Wirkung des Umbaus nicht traute? Jedenfalls wurde die gesamte Hausfläche mit Efeu berankt.

Die jüdische Familie Buchthal wurde ins Exil gedrängt. Im Haus folgten andere Bewohner, bis der Opernsänger Dietrich Fischer-Dieskau nach dem Krieg das Gebäude kaufte und vielfach veränderte. Nach seinem Tod wurde es verkauft. Durch gründliche Forschungen kamen die Historie des expressionistischen Ursprungs und des sachlichen Umbaus ans Licht.

Daraus wurde ein ungewöhnliches Denkmalprojekt. Das Haus wurde umgebaut in einen Zustand, den es niemals gegeben hatte, während man sonst immer auf einen bestimmten historischen Stand zurückgeht. Stattdessen ist der Bau wieder der Neuen Sachlichkeit angenähert worden, ergänzt um Elemente des Expressionismus. Die alten Farben wurden Schicht für Schicht herausgearbeitet, mehr als 50 Farbtöne kamen zum Vorschein. Die künstlerisch ausdrucksstarken, aber wenig wohnlichen Farben wurden dem heutigen Wohnbedürfnis angeglichen. Außen zeigt das in schlichtes Weiß getauchte Haus das expressionistische Portal der Bauzeit.


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Villenkolonie Westend
Es brauchte drei Anläufe, bis die Villenkolonie Westend als Bauterrain entwickelt war. Als die "Charlottenburger Baugesellschaft Westend" unter Mitwirkung von Martin Gropius - Großonkel des Bauhausgründers Walter Gropius - 1866 das Charlottenburger Plateau am Spandauer Damm besiedeln wollte, war die Zeit noch nicht reif, es fehlte die vermögende Kundschaft. Erst mit der Reichsgründung 1871 begann die Gründerzeit. Die französischen Reparationszahlungen nach dem von ihnen verlorenen Krieg und die rasante Entwicklung der Industriebetriebe brachten das nötige Kapital in Umlauf. Inzwischen war die Terraingesellschaft als "Westend-Gesellschaft H. Quistorp & Co" auf Heinrich Quistorp übergegangen und ging prompt 1873 in der ersten Gründerkrise des Kaiserreichs pleite. 1878 wurde Westend nach Charlottenburg eingemeindet, die Bebauung kam wieder in Schwung.

Die Verkehrsverbindungen werden weniger Einfluss auf die stockende Entwicklung gehabt haben, als vielfach beschrieben. Das vermögende Klientel ließ sich kutschieren und war nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Diese Verbindungen wurden auch erst nach und nach entwickelt. Als Westend gegründet wurde, fuhr Berlins erste Pferdebahn nur bis zur Sophie-Charlotten-Straße nahe dem heutigen S-Bahnhof Westend. 1871 finanzierte die Quistorpsche Terrain-Gesellschaft die Verlängerung bis zur Kastanienallee auf den Spandauer Berg hinauf. Dabei mussten 20 Höhenmeter bewältigt werden, teilweise betrug die von den Pferdewagen zu überwindende Steigung 33 Prozent. Es ist derselbe Höhenunterschied wie auf dem Kaiserdamm zum Theodor-Heuss-Platz. 1877 wurde der Ringbahnhof Westend eröffnet und 1908 der U-Bahnhof Reichskanzlerplatz (heute Theodor-Heuss-Platz). Die Pferdebahn wurde durch die Straßenbahn abgelöst, sie befuhr die Strecke Richtung Reichsstraße.

Denkmalgeschützte Bauten und ihre Bewohner
Im östlichen Teil Westends - zwischen Ahornallee und Kastanienallee - kommen wir an mehr als dreißig Baudenkmalen vorbei, eine erstaunliche Dichte. Dabei haben wir die andere Hälfte der Villenkolonie Westend ausgelassen für einen späteren Spaziergang.

Das älteste Haus der Villenkolonie steht an der Lindenallee 7 am Groscurth-Platz. In Auftrag gegeben von der Terraingesellschaft und entworfen vom Königlichen Hofbaurat Moritz Gottgetreu, einem Schinkel-Schüler. Das Haus hat einen Pfeiler-Vorbau mit kleiner Freitreppe und einen Dreiecksgiebel. -- Als "Schloss" apostrophiert, zumindest als "stattliches Landhaus", wird das vom Architekten Grisebach und Partner erbaute Gebäude Lindenallee 35. Grisebachs eigenes Wohnhaus ist die bekannte Villa Grisebach in der Fasanenstraße.

Burgen und Türme
Heinrich Quistorp, der Gründer von Westend, ließ sich in der Ulmenallee nach englischem Vorbild eine Villa mit Erker, Türmen und Zinnen erbauen, die nicht mehr erhalten ist. Ein noch vorhandenes Haus mit neugotischem Turm im rückwärtigen Grundstücksteil der Ulmenallee 3 wird manchmal als Nebengebäude der Quistorp-Villa bezeichnet.

Eine burgartige Anlage mit Turm weist auch das Remisengebäude in der Klaus-Groth-Straße 9 auf, das - wie mehrere andere Bauten in Westend - von Alfred Schrobsdorff erbaut wurde, dem "Baukönig von Charlottenburg". -- In der Rüsternallee 18 steht ein gewitterblau angelaufenes Haus mit Turm, der Turm hat eine ungewöhnliche breite Krempe. Ein Draculahaus aus Transsilvanien? Hier wohnte der von manchen als Komiker bezeichnete Karl Dall.


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Modeschöpfer Heinz Oestergaard
In der Nachkriegszeit erlebte die DOB - Damenoberbekleidung - in West-Berlin Aufstieg, Blüte und Fall. Einer war mittendrin: Der Modeschöpfer Heinz Oestergaard. Er hatte sich vorgenommen, den Trümmerfrauen mit den geknoteten Kopftüchern Eleganz zu schenken, jede(r) hat ein Recht auf Mode. Wehrmachtsuniformen, Gardinen und Fahnen ließ er zu Kleidungsstücken mit Namen "Stromsperre" oder "Schwarzmarkt" umarbeiten.

In der Ebereschenallee hatte er seit 1948 sein Atelier, schon um acht Uhr begannen dort seine Modeschauen. Caterina Valente, Maria Schell, Romy Schneider kleideten sich bei ihm ein, aber seine Kleider waren auch für weitere Bevölkerungsschichten bezahlbar. "Triumph" krönte mit ihm die Figur, indem er die Frauen vom Korsett befreite und Mieder aus weichem Material schuf. Mit dem Mauerbau kam der Niedergang der Berliner DOB. Oestergaard ging nach München, entwarf Mode für das Versandhaus Quelle und Berufskleidung für Polizisten und für die Engel der ADAC-Straßenwacht.

Georg Simmel und Gertrud Kantorowicz
Und natürlich darf eine ungewöhnliche Liebesgeschichte nicht fehlen. Lou Andreas-Salomé war zu Gast in mehreren intellektuellen Salons in Westend. Ihre außergewöhnliche Geschichte habe ich vor kurzem erzählt, und natürlich gab es in den Kreisen der Intellektuellen noch andere beeindruckende Liaisons. Die Kunsthistorikerin Gertrud Kantorowicz lebte mit dem Lyriker Stefan George zusammen, der in seinen Vorlesungen in priesterliches Gewand gekleidet seine Verse vortrug. Er stellte den Kontakt zu dem Soziologen und Philosophen Georg Simmel her, der mit seiner Familie in der Lindenallee lebte. Sie besuchte seine Vorlesungen und begleitete ihn schließlich auch auf Vortragsreisen. Fünfzehn Jahre lang lebte sie mit ihm eine diskrete Liebesbeziehung, und als sie ein Kind von ihm bekam, begab sie sich zur Entbindung auf eine "Forschungsreise" nach Italien. Er verhinderte, dass sie das "Findelkind" zu sich nahm, das Kind blieb im Ausland. So brach sie immer wieder zu weiteren getarnten Reisen auf, um es zu betreuen. Als Simmel starb, gab er seinen wissenschaftlichen Nachlass in ihre Hände. Simmels Frau verbrannte sämtliche persönlichen Briefe ihres Mannes, als sie von der Liaison erfuhr. Getrud Kantorowicz zog von Westend fort.

Ahornallee
Die Ahornallee flankiert die Villenkolonie Westend auf der Ostseite. Wie andere Straßen in der Siedlung ist sie nach den dort gepflanzten Bäumen benannt. Nur bei der Halmstraße ist das anders. Sie ist nicht nach dem Grasstängel benannt, sondern nach dem Theaterintendanten Eligius Franz Joseph Freiherr von Münch-Bellinghausen, der unter dem Pseudonym Friedrich Halm Bühnenstücke schrieb. Dieser Name passt auch besser auf ein Straßenschild. Hier ein Auszug aus einem seiner Gedichte:
____du sollst handeln, nicht rasch, aber kräftig
____du sollst lieben, nicht laut aber heftig
____du sollst leben, nicht wild, aber heiter

Erstaunlich - die Ahornallee weist eine ungewöhnliche Prominentendichte auf, jede zweite Villa wurde von einem Prominenten bewohnt. Es ist ein buntes Bild der Bewohnerschaft, dazu gehörten Schauspieler wie Johannes Heesters und Lilian Harvey, mehrere Schriftsteller und Maler, der Arzt Robert Koch, der Astronom Wilhelm Foerster, die Frauenrechtlerin Adele Schreiber ("Frauen! Lernt wählen!").

Für sich selbst Häuser gebaut haben in der Ahornallee die Architekten Otto March und Emil Schaudt. March, der Senior einer Architekten-Dynastie (Vater und Sohn bauten das Olympiastadion) hat einen als bescheiden beschriebenen Ziegelbau mit Steildach und vier Giebeln entworfen, der sich wirkungsvoll mit einem dreiseitigen Erker zur Straßenbiegung hin orientiert. -- Emil Schaudt arbeitete in der Ahornallee 36 im eigenen Atelier, das ihm einen weiten Blick über Charlottenburg erlaubte. Das KaDeWe war das bekannteste seiner Werke.


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Erich Mendelsohn gründete nach dem Ersten Weltkrieg sein Architekturbüro in der Ahornallee 25. Zu dieser Zeit wohnte er mit seiner Familie in der Pension Westend in der Kastanienallee. Seine Werke wie der Einsteinturm in Potsdam und die Woga-Wohnbauten mit der Schaubühne sind Ikonen der Architektur.

Das "opulente" Landhaus in der Ahornallee 33, vom Architekten Stahl-Urach erbaut, nutzt heute die "Kongregation der Schwestern Unserer Lieben Frau" als Schule. In Babelsberg errichtete er das größte Filmatelier Europas, in dem Fritz Lang sein Meisterwerk "Metropolis" drehte.

Rudolf Bauer, Hilla von Rebay und Guggenheim
Und noch einmal Ahornallee: Der Maler und Karikaturist Rudolf Bauer - er lebte in der Ahornallee 25 - gehörte zu dem Avantgarde-Kreis abstrakt malender Künstler Maler wie Paul Klee oder Wassily Kandinsky, die der expressionistischen Zeitschrift "Der Sturm" nahestanden. Durch diesen Kontakt lernte Bauer die in Amerika geborene Malerin Hildegard Baronin Rebay von Ehrenwiesen ("Hilla von Rebay") kennen. Beide waren bald eng befreundet und bezogen gemeinsam ein Studio. Die Familie Rebay war von Hildegards Lebensgefährten nicht begeistert und verhinderte eine Eheschließung.

Als Rebay in den USA Solomon R. Guggenheim kennenlernte, stellte sie ihm Bilder von Kandinsky und Bauer vor, woraufhin er 1930 nach Deutschland kam und Werke von Bauer kaufte. Es wird geschrieben, "Guggenheim ließ sein Schlafzimmer ausbauen, damit Bauers Ölgemälde darin Platz hatten". 1933 wurden Bauers Bilder im Museum of Modern Art in New York gezeigt. Zu einer Ausstellungseröffnung der von Guggenheim gesammelten abstrakten Kunst reiste Bauer 1936 in die USA. In der Heimat waren seine Werke zur gleichen Zeit zur "Entarteten Kunst" erklärt worden. Nach seiner Rückkehr wurde Bauer wegen "Devisenvergehens" inhaftiert. Rebay - die inzwischen Direktorin der Guggenheim Foundation geworden war - reiste nach Berlin und kaufte ihn mit Guggenheim-Geld frei, Bauer emigrierte in die USA.

Von einem schrägen Deal Guggenheims haben sich alle drei nicht wieder erholt: Bauer unterschrieb - wohl wegen fehlenden Verständnisses der amerikanischen Sprache - einen Vertrag, der automatisch alle zugänglichen und späteren Werke Bauers gegen eine Leibrente in Guggenheims Eigentum übergehen ließen. Kein einziges späteres Bild hat Guggenheim dadurch erhalten, vielmehr stellte Bauer bis ans Lebensende das Malen ein, welch eine Konsequenz! Und die Lebenspartnerschaft zwischen Bauer und Rebay zerbrach daran, war sie doch auf Guggenheims Seite.

Lilian Harvey
So traurig soll dieser Bericht nicht enden, deshalb noch ein Happy End mit Lilian Harvey. Beim Filmdreh spielte sie mit "dem begehrtesten Junggesellen der Ufa", Willi Fritsch. Beide wurden das "Traumpaar des deutschen Films" und gingen gemeinsam den Weg vom Stummfilm zum Tonfilm. Harvey zog als erfolgreiche Schauspielerin in die Ahornallee 16-17, eine Zimmerflucht mit einem ovalen Salon und einem samtbespannten Esszimmer. Fritsch schenke ihr zum Einzug einen Terrier, ein Paar im wirklichen Leben wurden Fritsch und Harvey nicht.

Ehe ich ganz in ein anderes Genre abgleite, beende ich diesen Bericht. Weitere Ziele in Westend können Sie auf der Unterseite Siedlungen finden.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Rosen in der Wendeschleife