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Von der Badebude zum Tanzpalast


Stadtbezirk: Wilmersdorf
Bereich: Wilhelmsaue, Hildegardstraße, Schrammstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Schrammstraße
Datum: 10. November 2008

Otto von Bismarck fragte sich, warum junge Männer, die in Berlin gedient hatten, oft nicht in ihre Heimatorte zurück gingen, und er erfuhr: Im Freien sitzen, wo Musik ist, dabei Bier trinken, das lockt die Leute, das gibt's nur in Berlin. Die Berliner zogen in Scharen hinaus in die "frische Luft". Die Landpartien zu dörflichen Gastwirtschaften, zu Fuß, mit der Pferdebahn oder Eisenbahn oder mit dem Kremser waren legendär. Es war Usus, dass die Gäste den Kaffee selber kochen durften, die Tischdecken für die hölzernen Tische brachten sie auch von zu Hause mit. Bald gab es Tanzetablissements in den Ausflugsgebieten, Schwoof bis in die Nacht, Kapellen spielten schmissige Musik. Aus Saufereien wurden Raufereien, und so wurde z.B. der Stralauer Fischzug, ein Volksfest, wegen der ständigen Eskalationen von der Polizei verboten.

An der Entwicklung rund um die Wilhelmsaue lässt sich verfolgen, wie ein Ort zum Ziel der Landpartien wurde. Wilhelmsaue ist die Urzelle des Dorfes Wilmersdorf, das schon seit 1293 bestand und bis 1890 seinen dörflichen Charakter bewahrte. Innerhalb von 20 Jahren bis 1910 explodierte die Einwohnerzahl dann von 5.000 auf 100.000 (kein Schreibfehler). Viele der neuen Einwohner zogen in die neuen Ortsteile und Villenkolonien Halensee, Grunewald und Friedenau. Heute ist das ehemalige Dorf an der Wilhelmsaue so verstädtert, dass nicht einmal der letzte alte Haus (Schoelerschlösschen von 1753) besonders auffällt. Die "Auenkirche" von 1895 steht nicht auf der Aue, sondern an der Straße im Blockrand wie die anderen Bauten und macht damit die Orientierung zusätzlich schwer. .

Namensgeber des Schlösschens war der Augenarzt Geheimrat Schoeler, er "suchte und liebte die ländliche Stille" und ließ 1893 das barocke Landhaus mit dahinter liegendem Garten umbauen. Zu dieser Zeit gab es bereits die Schramm'sche Badeanstalt am Wilmersdorfer See. Schramm war einer der "Millionenbauern", jener Schöneberger und Wilmersdorfer Bauern, die ihre Landflächen an Bauinvestoren, Grundstücksspekulanten und Eisenbahngesellschaften verkauft hatten - die mit der industriellen Revolution einsetzende Bevölkerungsexplosion in Berlin heizte den Wohnungsbau an. Schramm hatte für Badeanstalt und Restaurant einem Teil seines Geldes eingesetzt. Das "Seebad Wilmersdorf", wurde von den Berlinern begeistert aufgenommen. Aus dem Biergarten wurde bald ein Tanzpalast, "jehn wa bei Schramm, een danzen" war ein geflügeltes Wort. Junge Offiziere und verarmte Adlige hielten hier nach Millionenbauerntöchtern Ausschau.

Erst der 1904 am Halensee eröffnete Lunapark führte zu einem schnellen Ende der Schramm'schen Aktivitäten. Mit den dortigen Attraktionen konnte man nicht mithalten: Wasserrutschbahn, Wellenbad (aus nahe liegenden Gründen vom Volksmund "Nuttenaquarium" genannt), Gebirgsbahn, Hippodrom, eine Wackeltreppe, auf der von einem Gebläse die Röcke der Damen gehoben wurden, Tanzturniere und Boxkämpfe (Max Schmelings erster Kampf).

Der Wilmersdorfer See wurde 1915 zugeschüttet, heute befinden sich die Sportplätze des Volksparks Wilmersdorf auf diesem Gelände. Um den Garten des Schoelerschlösschens herum wurde ein Wohnblock gebaut, in dem wir heute Abend einen lautstarken Martinsumzug miterleben. Ein anderer 200 Meter langer Häuserzug ("Schrammblock") zwischen Schrammstraße, Hildegardstraße und Straße am Volkspark entstand 1928 dort, wo früher der Tanzpalast stand. Es ist eines der ersten Berliner Hausprojekte mit eigener Tiefgarage. Die Hildegardstraße, benannt nach einer Schramm-Tochter, war Berlins erste verkehrsberuhigte Straße.

Auf der anderen Seite der Hildegardstraße hatte der Beamten-Wohnungsverein bereits 1903 ein Wohnensemble mit mehr als 14.000 Quadratmetern Fläche und mehr als 250 Wohnungen errichtet, das sich um kleine Innenhöfe gruppiert und gärtnerisch angelegt ist.

Der Sportplatz auf dem ehemaligen Wilmersdorfer See liegt im Flutlicht, er wird heute Abend bespielt. Ansonsten ist hier alles still und ruhig. Heute könnte Geheimrat Schoeler hier "städtische Stille" statt der dörflichen finden, die ihn damals nach Wilmersdorf zog.

FOTOS: Die Bilder wurden im Dezember 2011 aufgenommen

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ein weiterer Besuch an der Wilhelmsaue: Das fünfte Element
zum Stralauer Fischzug: siehe den Bericht "Ein Mops namens Rolex"
mehr zum Volkspark Wilmersdorf/Schöneberg: Volkspark Wilmersdorf/Schöneberg



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