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Nur ein Viertelstündchen


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: Zwischen Kant- und Bismarckstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Leibnizstraße
Datum: 10. Oktober 2016
Bericht Nr: 564

Kaufen Sie Qualitätsware nicht bei Müllermann, der verkauft gleichzeitig Nachttöpfe und Oberhemden. So oder so ähnlich hatte ein Fachhändler vor Jahrzehnten öffentlich gegen die Neckermann-Warenhäuser gepowert, als es sie noch gab. Die Werbung "Neckermann macht's möglich" hatte ihn wohl geärgert. Der Vorstoß zielte gegen 'Warenhäuser', die Waren jeder Art verkaufen im Gegensatz zu 'Kaufhäusern' wie H&M oder Media-Markt, die groß gewordene Fachgeschäfte für einzelne Artikelgruppen sind.

Berlins erstes Warenhaus
Bei unserem heutigen Rundgang sind wir an Berlins erstem Warenhaus vorbei gekommen, das an Berlins erster Fußgängerzone liegt. An der Wilmersdorfer Ecke Pestalozzistraße begrüßten 1900 Graff & Heyn das neue Jahrhundert mit einem Manufaktur- und Kurzwarengeschäft, aus dem ein kleines Warenhaus hervorging. Das kleine Warenhaus haben sie 1914 durch den Neubau eines großen Warenhauses ersetzt, einen repräsentativen Eckbau mit hervorgehobenen Türmen, mit Säulen über mehrere Etagen und Fenstern mit großen Glasflächen. Dann übernahm Adolf Jandorf das Unternehmen, der dabei war, eine ganze Kette von Warenhäusern in Berlin zu etablieren. Begonnen hatte Jandorf am Spittelmarkt, später kam das international bekannte Flaggschiff KaDeWe hinzu. Das Warenhaus am Weinberg (Brunnenstraße Ecke Veteranenstraße) ist der einzige historische Bau, der heute noch vorhanden ist. Zu DDR-Zeiten war es das „Haus der Mode“, im nächsten Jahr wird die Fashion Week dort veranstaltet.

Weitere seiner insgesamt 7 Warenhäuser standen am Kottbusser Damm, am Blücherplatz, an der Karl Marx Allee, immer in hervorgehobener Ecklage. Zweimal übernahm Jandorf bestehende Gebäude und richtete sie als Warenhäuser ein. Wenn er selbst baute, hatte er allerdings für seine Warenhäuser keinen Hausarchitekten herangezogen, der ein einheitliches Erscheinungsbild ("corporate identity") schaffen würde, wie Alfred Messel bei Wertheim, sondern beauftragte verschiedene Baumeister.

Adolf Jandorf hatte als Lehrling in einem Manufakturwarengeschäft begonnen, wurde Handlungsgehilfe, lernte bei einem Aufenthalt in New York moderne Verkaufstechniken kennen. Mit dem Typus des Volkswarenkaufhauses richtete er sich vor allem an Arbeiter und Geringverdiener. Der große Renner, der ihm viel Geld einbrachte, soll ein besticktes Ruhekissen mit dem Text "Nur ein Viertelstündchen" gewesen sein (x).

Im Jahr 1926 verkaufte Jandorf sein Unternehmen an Hermann Tietz, dessen Konzern während der Nazizeit in "Hertie" umbenannt werden musste, um den Namen des jüdischen Inhabers unkenntlich zu machen. Der Karstadt-Konzern übernahm 1994 die Hertie-Warenhäuser, auch in der Wilmersdorfer Straße befindet sich heute eine Karstadt-Filiale. Allerdings in einem architektonisch wenig reizvollen Neubau, denn der historische Bau von Graff & Heyn war im Krieg zerstört worden.

Straße gegen Bildungszentrum getauscht
Dass man in den 1970er Jahren in der Innenstadt eine Stadtstraße entwidmet hat, um hier ein Bildungszentrum zu bauen, kann man sich heute kaum vorstellen. Schließlich war es das Zeitalter der Autogerechten Stadt, als man Stadtautobahnen wie die an der Schlangenbader Straße verwirklichte und Autobahnkreuze wie am Oranienplatz plante. Aber Bildung war offensichtlich wichtig, und der Flächenbedarf war vorgegeben: Pro Schüler war eine Grundstücksfläche von 30 qm anzustreben. Das erinnert an die "Scharrfläche" für Hühner, die von der EG geregelt ist, allerdings müssen dort neun Hühner mit einem Quadratmeter auskommen.

Ein Mittelstufenzentrum, ein Oberstufenzentrum und eine Kita wurden neu gebaut, zwei vorhandene Schulen mit einbezogen, dafür musste der nördliche Teil der Grolmanstraße entwidmet werden. Jetzt weiß ich auch, wo "meine" Max-Liebermann-Schule geblieben ist, die ich bei Spaziergängen nicht mehr wieder fand: Sie ist Teil des neuen Bildungszentrums geworden, genau wie die noch erkennbare Schiller-Schule in einem Altbau von 1912 nahe dem Ernst-Reuter-Platz.

Zwei Kirchen, eine Synagoge

Kirche St. Thomas von Aquin
Wenn sich in Berlin eine Kirche in die Blockrandbebauung einreihen muss, dann ist das meist ein Hinweis auf ein katholisches Gotteshaus. Nur die evangelischen Kirchen wurden von der "Kirchenjuste" - der Frau des letzten Kaisers - gefördert und überwiegend freistehend errichtet. Die Kirche St. Thomas von Aquin in der Schillerstraße wurde 1932 in eine Baulücke eingepasst, hier war Pfarrer Bernhard Lichtenberg als Seelsorger tätig. Wegen seines Eintretens für Verfolgte während der NS-Diktatur wird er als Märtyrer verehrt, er wurde selig gesprochen und in Israel zu den "Gerechten unter den Völkern" gezählt.

Doch diese Kirche hat noch eine Besonderheit: Hier feiert eine Gemeinde ihre Gottesdienste in französischer Sprache. Während der Besatzungszeit war die Gemeinde eine französische Militärpfarrei, obwohl sie zum britischen Sektor gehörte. Seit dem Abzug der Alliierten ist die Gemeinde Teil des Erzbistums Berlin-Brandenburg und steht den in der Stadt lebenden Franzosen und französischsprachigen Ausländern zur Verfügung.


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Synagoge Pestalozzistraße
In der Pestalozzistraße hat der mächtige neoromanische Bau einer Synagoge im Hinterhof die Nazizeit fast unversehrt überstanden. Hinter zwei eher unauffälligen Wohngebäuden mit Backsteinfassaden und betonten Fensterbögen aus den 1880er Jahren entstand 1912 eine private Vereinssynagoge, die erst später der jüdischen Gemeinde übereignet wurde. Das Gotteshaus war zwar in der Pogromnacht 1938 wie andere Synagogen angesteckt worden, wegen der umgebenden Wohnbebauung hatte die Feuerwehr das Feuer aber gelöscht. Heute ist sie das bestbesuchte jüdische Gotteshaus der Stadt, weil der Gottesdienst hier - einmalig auf der Welt - altem liberalen Ritus folgt, mit Orgel und gemischtem Chor. Bei den Sitzplätzen sind aber Männer und Frauen getrennt. Neben konservativen und orthodoxen Strömungen des Judentums hat sich hier das Liberale (Progressive) erhalten, das auf Deutschland im 19. Jahrhundert zurückgeht.

Trinitates-Kirche
Die evangelische Trinitates-Kirche auf dem Karl-August-Platz entstand wie viele evangelische Kirchen in Berlin um 1900, weil die Einwohnerzahl durch die starke Bautätigkeit in den Gründerjahren ständig wuchs. Im Kirchenvorraum steht eine Christusfigur aus Marmor im "Oranten-Gestus". Orante ist der Gläubige im Gebet, also nichts Unerwartetes, das Besondere ist dabei das Erheben und Ausbreiten der Hände, anstatt sie zu falten. Die Hände versuchen gleichsam, den Himmel zu berühren und so die göttliche Gnade auf den Beter herabzuziehen. Die nach oben geöffneten Hände sind wie Schalen, die göttliche Gaben empfangen könnten. Strecken sich die Arme weiter seitlich, dann entsteht der Gestus des Gekreuzigten.

Wohnanlagen Goethepark und Schillerpark
Nicht nur zwei Straßen tragen die Namen unseres Dichterduos, auch zwei Wohnanlagen sind nach ihnen benannt. Von beiden ist nur doch die Hälfte der Gebäude erhalten. Die Wohnanlage Am Schillerpark wurde von dem Architekten Albert Gessner konzipiert. Er hatte das Glück, die richtige Frau zu heiraten. Dem Schwiegervater gehörte ein unbebautes Grundstück in der Mommsenstraße, das er 1904 bebauen konnte. Als er realisierte, dass die Berliner Wohnarchitektur künstlerisch nicht zu Ende gedacht war, entstand hieraus sein berufliches Lebensthema - das großstädtische Mietshaus.

Er konstatierte einen "unglaublich verwahrlosten Zustand" der Wohnbebauung und wollte mit neuen Lösungen "Blüten und Früchte entwickeln" - sein Beitrag als Wegbereiter der Städtekultur. Nach dem Ersten Weltkrieg ging sein Ansatz in der Reformbewegung der Weimarer Zeit unter und wird erst seit den 1970er Jahren wieder gewürdigt. Sein größtes Projekt war die Wohnanlage Am Schillerpark mit 10 Häusern, die ursprünglich bis zur Bismarckstraße reichte. Um einen Innenhof mit Grünfläche und Wildschweinen (gottlob aus Bronze) stehen verputzte Mauerwerksbauten im Landhausstil mit unregelmäßig angeordneten Rundbogenfenstern, Loggien, Erkern und Balkonen.


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Die Wohnanlage Goethepark ist dagegen nicht in einem vorzeigbaren Zustand, fast als Warnung steht ein Schuttcontainer direkt in dem Zugang zum Innenhof. Die zeitgleich mit der Schillerpark-Wohnanlage errichteten Gebäude begleiten als Seitenflügel einen Innenhof, der ursprünglich auf 240 Meter Länge von der Wilmersdorfer bis zur Kaiser-Friedrich-Straße reichte. Nur der von der Kaiser-Friedrich-Straße zugängliche Teil blieb erhalten, durch Kriegseinwirkung gingen die Gebäude zur Wilmersdorfer Straße verloren. Hier sind die Wilmersdorfer Arkaden als Shopping-Center entstanden.

Die Wohngebäude im Goethepark sind glattgeputzt, der ursprünglich vorhandene ornamentale Schmuck ist verschwunden. Lediglich die jugendstiligen Umrandungen mancher Treppenaufgangstüren sind in Konturen erhalten, wahrscheinlich war es zu mühsam, sie abzuschlagen. Von der Gartenanlage ist kaum noch etwas zu sehen, auch die Ladenwohnungen und Dachgärten sind verschwunden.


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Der Kiez, den wir heute besucht haben, liegt zwischen Kantstraße (Savignyplatz) und Bismarckstraße, der engere Bereich zwischen Pestalozzistraße und Schillerstraße. Im Norden schließt sich die Altstadt von Charlottenburg an, im Süden der Kurfürstendamm-Bereich, doch das Gebiet dazwischen hat keinen Namen. Und es ist - man muss es leider sagen - nicht einladend, trotz vieler Bürgerhäuser aus der Gründerzeit und einzelner Gewerbehöfe, die wir hier nicht erwartet hätten. Die Fußgängerzone Wilmersdorfer Straße als Bedarfsdeckungsmeile ohne Flair, die leer stehenden Läden in den Seitenstraßen, manche renovierungsbedürftige Häuser, hier sieht es nicht nach Aufbruch aus.

Nahe beim Karl-August-Platz finden wir einen Griechen, der trotz seines rückwärts gewandten Lokalnamens ("Retro") gegenwärtiges gutes Essen auf den Tisch stellt. Die Einrichtung ist viel schöner als verkitschte Folklore, so gar nicht griechisch, eher früheres bürgerliches Wohnzimmer, eben retro.

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(x) Ob Klabund von Jandorfs Ruhekissen inspiriert war?
Der Dichter erzählt von einem Kissen, auf das Tante Anna "Nur ein Viertelstündchen" gestickt hatte. Doch als Onkel Max sich hocherfreut darauf niederließ zur Siesta, stand er danach nicht mehr auf.

Statt eines Grabsteins bekam er ein Kissen aus Stein auf sein Grab gestellt mit der Inschrift:
_____Hier ruht in Gott Onkel Max
_____Nur ein Viertelstündchen

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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