Bezirke
  Stadtplan     Personen     Themen     Aktuell     Forum  
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Allgemein:
Startseite
Ich bin NEU hier
Hinweise
Kontakt
Impressum
Links
SUCHEN
Sitemap

Nierentisch-Moderne und Frieden im Kloster


Stadtbezirk: Wilmersdorf
Bereich: Fasanenplatz, Olivaer Platz
Stadtplanaufruf: Berlin, Ludwigkirchplatz
Datum: 8. November 2010

Der Fasanenplatz führt seit der Verkehrsberuhigung in den 1980er Jahren äußerlich ein beschauliches Dasein, dem Flaneur bleibt zunächst verborgen, welche Menschen hier Spuren hinterlassen haben. Heinrich Mann hat hier gelebt und Gerhart Hauptmann, die angrenzende Anlage trägt seinen Namen. Die Cocktail-Bar mit ihren Sitzmöbeln, Beistelltischen, Ablagen und Lampen in der Galerie Bremer wurde von Hans Scharoun entworfen, ein "wunderbares Abbild der Nierentisch-Moderne", hier gingen oder gehen ein und aus Billy Wilder, Mary Wigman, Romy Schneider, Walter Scheel, Alice Schwarzer, Jil Sander, Alfred Biolek. Die "umherschweifende Haschrebellen" (zu denen Dieter Kunzelmann, Georg von Rauch und Thomas Weisbecker. gehörten) hatten hier am Platz im "Unergründliches Obdach für Reisende" Zuflucht gefunden, nachdem sie aus Otto Schilys "Wielandkommune" gewichen waren.

Gestaltet wurde der Fasanenplatz als Teil einer Gesamtkomposition ("Carstenn- Figur") von dem Immobilienentwickler Johann Anton Wilhelm von Carstenn, der die Bundesallee und die Vorort-Siedlungen Friedenau und Lichterfelde angelegt hat. In Friedenau um den Friedrich-Wilhelm-Platz herum gibt es die andere Carstenn-Figur, die vier symmetrisch um die Mittelachse angelegte Plätze durch einen umlaufenden Straßenzug und mehrere sternförmig darauf zulaufende Straßen verbindet (--> 1). Bei der Neugestaltung des Fasanenplatzes 1984 wurde der Kreisverkehr abgeschafft, ein Platz als Ruhepunkt mit höherem Aufenthaltswert entstand. Ein italienischer Delikatessenladen, Restaurants, ein Antiquitätengeschäft und Modeboutiquen laden zum Besuch ein.

Inzwischen findet an der Meierottostraße eine städtebauliche Verdichtung statt, die die ruhige Wohnstraße gegenüber der früheren Freien Volksbühne, heute Haus der Berliner Festspiele, entscheidend verändern wird. In einen Innenhof der Meierottostraße baut ein Investor ein (einschließlich Erdgeschoss) siebenstöckiges Wohngebäude mit Wohnflächen um je 200 qm, das Vorderhaus wird mit einem Maisonette-Penthaus entsprechend aufgestockt. Die unteren Etagen des Gartenhauses sind nicht begehrt, offensichtlich fürchten die Interessenten ungünstige Lichtverhältnisse, alle anderen Wohnungen einschließlich modernisiertem Vorderhaus sind bereits verkauft. In der gegenüber liegenden Gerhart-Hauptmann-Anlage sollen vier "Blockvillen" von 24 Metern Höhe gebaut werden, das sind Miethausquader, die sprachlich als "Villen" kleingeredet werden. Eine Bürgerinitiative wehrt sich dagegen, mit dem Bau wurde noch nicht begonnen.

Unser heutiger Spaziergang beginnt in der Bundesallee, an der Gerhart- Hauptmann-Anlage steht eine Säule zur Erinnerung an Kriegstote eines Reservekorps von 1914-18. Die ursprünglich auf der Kugel thronende Schwurhand hat man entfernt, aber die Widmung für einen gottesgegebenen Krieg steht noch 'dran: "Saat von Gott gesät, dem Tage der Garben zu reifen". Unser weiterer Weg verbindet drei Plätze, die an einem "Band" liegen, aber keine städtebaulichen Gemeinsamkeiten haben. Vom Fasanenplatz geht es durch die Ludwigkirchstraße zum Ludwigkirchplatz und dann weiter durch die Pariser Straße zum Olivaer Platz.

Die katholische Kirche St.Ludwig (--> 2) gab der Straße und dem Platz den Namen, die Wohnqualität wird gelobt als "zwischen chic und normal", es ist "der elegante Kiez für Wohnen, Arbeiten und Genuss". Sieben Straßen münden auf den Platz, vom Verkehr ist aber wenig zu hören, und der parkartige Platz vor der Kirche ist gut abgeschirmt. Natürlich hat wieder die "Kirchen-Juste" Kaiserin Auguste- Viktoria (--> 3) den Bau gefördert, der sich dem Vernehmen nach darüber hinwegsetzt, dass katholische Kirchen nicht frei stehen dürfen, sondern in die Häuserfront eingebaut werden sollen. Dies soll als bewusste Zurücksetzung gegenüber der evangelischen "Staatskirche" angeordnet worden sein.

Der Olivaer Platz ist der dritte Platz, den wir heute ansteuern. Der Name verweist auf einen Friedensschluss 1660 zwischen Polen und Schweden im Kloster Oliva (heute Gdansk/Danzig). Bei diesem Frieden musste Preußen auf einen Teil seiner früher erbeuteten Gebiete im Osten verzichten, gleichzeitig wurde aber seine Souveränität anerkannt ("Preußen wird brandenburgisch"). Dieser "Nordische Krieg" war ein Wideraufflackern der Auseinandersetzungen, die dem 30-jährigem Krieg und seinem mühsamen Abschluss im "Westfälischen Frieden" 1648 folgten. Für Preußen war es eine identitätsstiftende Erinnerung, deshalb hat man 1892 diesen Platz zu wilhelminischer Zeit danach benannt. Sehr viel später brachte ein Krieg "Rote Rüben auf den Olivaer Platz", nämlich während der Ernährungskrise in der Nachkriegszeit Berlins 1945-1949.

Erreicht man den Olivaer Platz von der Lietzenburger oder Schlüterstraße aus, dann sieht man nur einen ausgedehnten Parkplatz. Erst von der Konstanzer oder Pariser Straße aus findet man die geometrisch angelegte Parkanlage mit viel Grün.

Der Vater von Heinz Berggrün, dem Kunstsammler und Mäzen, hat hier am Platz ein Schreibwarengeschäft betrieben. Einige Schritte weiter, am Kurfürstendamm 70, steht das "Handtuchhaus", vom Architekten Helmut Jahn auf einem nur zweieinhalb Meter tiefen Grundstück errichtet, aber ab der ersten Etage fünf Meter vorkragend. Der Kudammtunnel und die Straßenverbreiterung hatten das Grundstück so kurios beschnitten.

Zum Schluss gibt es für uns wieder gehobene Küche im Fagiano am Fasanenplatz bei unauffällig guter und freundlicher Bedienung, ein Restaurant zum Wohlfühlen, wo der Ober sich nicht vornehmer dünkt als der Gast.



-----------------------------------------
(1) Die Carstenn-Figur in Friedenau: Sei gegrüßt, Friedenau!

(2) Die Kirche ehrt hier nicht den Sonnenkönig Ludwig XIV, sondern seinen Vorfahren Ludwig IX. „der Heilige”. Heiligenlexikon.de schreibt, er sei demütig und geduldig gewesen, ein liebevoller Vater, voller Zuneigung und Mitleid mit Kranken und Armen, denen er immer wieder von seiner Schüssel Essen austeilte. Zwei Kreuzzüge hat er unternommen, vom zweiten soll er einen Nagel des Christus-Kreuzes als Reliquie mitgebracht haben. Er starb 1270, heilig gesprochen wurde er 1297.

(2) Mehr über die "Kirchen-Juste": Kirchenbauverein, "Kirchenjuste"


Erotik-Mus im Mövenpi
Ein anständiges Haus