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Glockenspiel auf dem Shoppingcenter




Stadtbezirk: Charlottenburg
Bereich: Wilmersdorfer Straße
Stadtplanaufruf: Berlin, Haubachstraße
Datum: 26. Oktober 2009



Der "Scharfrichter von Berlin" (so der Titel eines im 19.Jahrhundert sehr erfolgreichen Buches) wohnte in der Wilmersdorfer Straße 13. Der Bestseller handelte von dem Henker Julius Krautz, der in Zylinder, Frack, Weste und weißen Handschuhen auftrat. Wenn die Verurteilten auf dem Richtblock festgeschnallt waren, führte er sein Beil dann aber in Weste und Hemdärmeln. Zu Anfang hatte er kein eigenes Handbeil, deshalb lieh er sich aus dem Märkischen Museum die Kopie eines Richtbeiles des Magdeburger Scharfrichters aus. Als er einen Gehilfen bei einer Kneipenschlägerei tötete, wurde ihm Notwehr zugebilligt, wohl weil es keinen anderen Henker gab, der ihn hinrichten konnte. Glauben muss man das alles nicht, Henker waren immer Außenseiter der Gesellschaft, manchmal ehemalige Schwerkriminelle, und um ihr Tun rankten sich immer schauerliche Legenden. Dafür haben wir heute den "Tatort" im Fernsehen.

Wir beginnen unseren Spaziergang über die Wilmersdorfer Straße in Sichtweite des Rathauses Charlottenburg. Der ehemalige Feldweg zwischen Charlottenburg( damals noch Lietzow) und Wilmersdorf wurde bereits im Mittelalter von dem Pfarrer genutzt, der beide Gemeinden zu betreuen hatte. Bei der Erweiterung des Schlosses Charlottenburg durch Eosander wurde der Weg in die Planung des städtischen Quartiers vor dem Schloss einbezogen. An der Ecke Haubachstraße und Wilmersdorfer Straße kann man Stadtentwicklung pur an den Eckhäusern ablesen: ein einstöckiges Gebäude, Ackerbürgerhaus von 1823, daneben zweistöckige Häuser von 1865 und 1880, noch nicht von Mietskasernen verdrängt, gegenüber ein aufgestocktes Ackerbürgerhaus von 1880 und ein Jugendstilhaus von 1902.

Ein paar Kreuzungen weiter leuchtet die Reklame des Ullrich-Verbrauchermarktes vom Eckgebäude. In der Filiale dieses Unternehmens an der Berliner Mohrenstraße kauft unsere Kanzlerin ein, auch wenn sie sich manchmal bevormundet fühlt: „Wenn ich mal was einkaufen möchte und nicht genau weiß, wo es steht, dann kommt immer gleich jemand und hilft mir“ klagt sie und „Wenn ich eine Büchse Artischocken kaufen will, dann wird gesagt: ,Was? Sie kaufen Artischocken aus Büchsen? Hier ist die Frische-Abteilung.’ Und wenn ich sage: ,Das ist mir zu mühselig’ wird gesagt: ,Ich zeig Ihnen, wie das geht’.“ Das findet sie nicht immer hilfreich, manchmal möchte sie einfach nur in Ruhe gelassen werden.

Von der Bismarckstraße bis zum S-Bahnhof Charlottenburg schließt sich im Verlauf der Wilmersdorfer Straße die erste Fußgängerzone Berlins an, an der das älteste Kaufhaus der Stadt liegt (1906 als "Graff und Heyn" gegründet, später Hertie, jetzt Karstadt). Trotz aller Bemühungen und Veränderungen ist die Straße nie eine Flaniermeile geworden, eher eine Bedürfnisbefriedigungszone für diejenigen, denen die Tauentzienstraße zu edel und zu gehoben ist. Neckermann und Quelle waren hier und eine Ansammlung von Schuhgeschäften. Heute gibt es das Kant-Center und die Wilmersdorfer Arcaden als kleine Shoppingcenter-Neubauten. An die Nachkriegsmoderne der 1950er und 60er Jahre erinnern nur noch das Firmenlogo des Schuhhauses Leiser in braver Schreibschrift und das "Schirmständerhaus" (ehemals Schuhhaus Stiller), dessen überkragendes Flachdach runde Öffnungen enthält, in denen Riesen ihre Regenschirme abstellen können.

Bei den Wilmersdorfer Arcaden balanciert pünktlich zu jeder halben und vollen Stunde eine Frau mit zwei Einkaufstüten auf der Dachkante entlang. Es ist Wilma, eine 2,10 m hohe Frauenfigur aus Aluminium, die hier die Tradition des Glockenspiels an Rathäusern und Kirchen auf die Welt des Shoppings übersetzt. Während die Figuren an historischen astronomischen Uhren wie z.B. die Apostel beim Altstädter Rathaus in Prag zum tieferen Nachdenken über die Zeit und die Vergänglichkeit anregen sollen, wird hier ohne störende Zeitangabe dem unendlichen Konsum gehuldigt.

Von der S-Bahn bis zum Kudamm wird die Wilmersdorfer Straße großstädtisch. Einen am Potsdamer Platz aus von einem kriegszerstörten Gebäude - dem Vergnügungs-Etablissements "Bayernhof" - geretteten Brunnen hat man am Hindemithplatz wieder aufgestellt. Außer diesem St.-Georg-Brunnen gibt es in der Fußgängerzone den Kugelbrunnen. Sein Vorgänger, die "Schlorrendorfer Plansche", war zum Müllabladeplatz verkommen, deshalb wurde er nach 30 Jahren wieder abgerissen. Vielleicht war der Name missverstanden worden, als Schlorrendorfer (synonym Charlottenburger) wird ja auch die Methode des Schneuzens bezeichnet, mit der man den störenden Naseninhalt ohne Benutzung eines Taschentuches auf den Boden befördert.

Drei U-Bahnhöfe liegen an der Wilmersdorfer Straße, alle vom Senatsbaudirektor Reiner G. Rümmler entworfen in seinem zeittypischen formen- und farbenreichen Design. Für den Bahnhof, der den Bezirksnamen führt, hat er stilisierte Lilien als Wandverkleidung entworfen, ein Zitat der Lilien im Bezirkswappen. Zu Adenauer ist ihm nur ein großes "A" als Symbol eingefallen, vielleicht weil wir Berliner manchmal unsere liebe Not mit Adenauer hatten. Dafür hat die Wall AG ein Adenauer-Denkmal oben auf dem gleichnamigen Platz gesponsert, der alte Kanzler strebt mit großen Schritten dem Kurfürstendamm entgegen.

Wir streben ein paar Schritte zurück zum Pietrafitta, einem kleinen italienischen Lokal, wo Lucia kocht und nicht nur die Restaurantkritikerin des Tagesspiegels, sondern auch wir vom gutem Essen begeistert sind. Nicht weitersagen, für einen Ansturm hat das Lokal zu wenige Plätze.


Strumpfband um die Wade
Damen mit ungeschützter Hutnadel