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Erotik-Mus im Mövenpi


Stadtbezirk: Charlottenburg, Schöneberg
Bereich: Zoogegend
Stadtplanaufruf: Berlin, Budapester Straße
Datum: 22.Februar 2010

Der Erfinder von Heinz Tomato Ketchup war ein begnadeter Marketingstratege. Henry John Heinz produzierte seit 1876 mit so hohen Qualitätsansprüchen und unter so guten Arbeitsbedingungen, dass er seine Fabrik vorzeigen konnte, er soll der "Erfinder" der Fabrikbesichtigung sein. Er erkannte, wie wichtig ein Produktlogo ist, "Heinz 57" wurde auf Autos und auf Werbeplakaten plakatiert und auf sogar Hügel gepflanzt, die er gekauft hatte. Und für sein Produkt leuchtete im Jahr 1900 die erste Lichtreklame der Welt aus 1000 Glühlampen an einer Hauswand in New York.

Zehn Jahre später präsentierte der Franzose Georges Claude die erste Neonlampe, und bereits 1923 konnte man die erste Neon-Lichtreklame auf einem Packard-Autohaus in Los Angeles sehen. Die größte Leuchtreklame der Welt (72 Meter Durchmesser) hängte Bayer Leverkusen 1933 zwischen zwei Fabrikschornsteinen auf: das Bayer-Kreuz. Da es eine hervorragende Orientierung für Bombenflugzeuge bot, wurde es im Zweiten Weltkrieg entfernt und erst 1958 mit 51 Metern Durchmesser an Stahlmasten neu aufgebaut.

Die weltweit größte Dichte von Leuchtreklamen wird wohl Las Vegas haben, dort stehen die Hotels und Casinos seit den 1940er Jahren in einem steten Wettbewerb um die auffälligste Reklame. Ich erinnere mich, bei der nächtlichen Anreise nach Las Vegas mit dem Auto durch die dunkle Wüste auf einen sich beständig vergrößernden Lichtschein zugefahren zu sein, der immer mehr die Ausmaße eines taghell erleuchteten Weltraumbahnhofs annahm.

In Berlin entsteht ein Buchstabenmuseum, in dem alte Leuchtreklamen gesammelt und der Öffentlichkeit als Kulturdenkmale zugänglich gemacht werden sollen. In der ehemaligen Stalinallee stehen Werbeschriften aus Vorwendezeiten auf den Häuserblocks bereits unter Denkmalschutz.

Mit etwas Humor könnte man fast vermuten, dass in der Zoogegend in einem abgestimmten Verhalten Leuchtreklamen nach und nach Buchstaben abschalten, um sie für das Buchstabenmuseum vorzubereiten. Bei unserem heutigen Rundgang vom Zoo bis zum Hotel Inter-Continental stoßen wir jedenfalls auf mehrere prominente Schriftzüge, die nicht mehr vollständig leuchten. Beim Hotel ist es nur das letzte "L" von International, das man sich unwillkürlich dazu denkt. Heftiger wird es schon bei "Mövenpi" am Europa-Center. Der Konzern steht gerade wegen eines Großspende an die FDP in den Schlagzeilen, sollte dadurch das Geld für notwendige Instandsetzungen knapp geworden sein? Und ganz rigoros ist die Buchstabenabschaltung bei Beate Uhse an der Hardenbergstraße, denn wer wird schon durch "Erotik Mus" angelockt? Bei so vielen Werbe-Merkwürdigkeiten wundert es nicht, dass auch der Mercedes-Stern auf dem Europa-Center wie ein Schiff auf hoher See durch die Wolken zu schwanken scheint.

Die Normaluhr am Zoo ist ein markanter Ort, um sich zu verabreden, auch wenn die Ecke windig ist und regelrecht vibriert vor Berliner Hektik. Liebespaare verabreden sich hier wohl nicht mehr, Dates werden woanders gemacht, und damit ist auch das traurige vergebliche Warten wie in Reinhard Meys Song Vergangenheit:

"steh' ich jetzt schon hier / Mit einem Strauß von Rosen /
Gebügelten Hosen / Geputzten Schuhen /
In tiefschwarzem Glanz / Die Zeit vergeht nicht /
Vor Ungeduld tret' ich / Von einem Bein aufs andre".

Die Kantstraße Richtung Gedächtniskirche hat ihr markantes Profil verloren: das Schimmelpfeng-Haus, das als Riegel die Straße überspannte, ist abgebrochen worden. An der Joachimsthaler Straße ist das Hochhaus, in das das Waldorf-Astoria-Hotel einziehen soll, im Entstehen. Um die neue Skyline des "Zoofensters" anzusehen, müssen wir später wiederkommen.

Die Passage, die das Aquarium mit dem Hotel Interconti verbindet, ist kein Ort zum Bummeln und Verweilen, zu unwirtlich ist der Platz, zu uninteressant das Angebot in den Läden, soweit sie überhaupt genutzt werden. Erst vor dem Landwehrkanal, wo das Hotel mit 13 Etagen und einer gläsernen Eingangs-Pyramide steht, herrscht wieder großstädtisches Leben. Als "Hilton" gebaut, heute als "Inter-Continental" geführt, beherbergt es internationale Gäste, auch diejenigen, für die besondere Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden müssen. Das schachbrettartige Fassadenmuster wird aus dunklen Fenstern und weißen Wandflächen gebildet, wobei jedes dunkle Quadrat tatsächlich zwei längliche Fenster enthält, die durch hervortretende hellblaue Längsstreben voneinander abgegrenzt werden.

Im Dachgarten-Restaurant gab es zu Hilton-Zeiten Fünf-Uhr-Tanztee-Veranstaltungen, die der Hotelleitung Kopfzerbrechen bereiteten. Wie der „Spiegel“ 1964 berichtete, hatten "Amüsierdamen" den Dachgarten als Arbeitsplatz entdeckt, deshalb untersagte man Damen ohne Begleitung den Zugang. Und traf damit auch die "Vertreterinnen respektabler Organisationen", die hier nur Tee trinken und vielleicht auch tanzen wollten. Sich mit dem Zimmerschlüssel auszuweisen, half auch nicht endgültig, gab es doch sehr ähnliche Schlüssel auf dem Markt. Der SFB-Frauenfunk, Berliner Frauenverbände, sogar ein Strafverteidiger beschäftigten sich mit der "uncharmanten Praktik" des Hotels, allein stehende Frauen von Tanz und Geselligkeit auszuschließen.

Statt tanzen und trinken möchten wir zum Abschluss unseres Rundgangs essen und trinken, und das gelingt uns in einem mit Goethe-Zitaten geschmückten Lokal am Wittenbergplatz.


Stadt der Warenhäuser
Nierentisch-Moderne und Frieden im Kloster