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Die Zeit vergeht. Das Gras verwelkt


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: Friedhof Heerstraße
Stadtplanaufruf: Berlin, Trakehner Allee
Datum: 8. März 2017
Bericht Nr: 580

Über Liebe und Leidenschaft kann man manchmal auf dem Friedhof mehr erfahren als unter den Lebenden. "Alles, was ich weiß und was ich erreicht habe, verdanke ich eigentlich ihm", bekannte die Schauspielerin Tilla Durieux. Auf einer Abendgesellschaft lernte sie 1903 den Kunsthändler Paul Cassirer kennen und erlag sofort seinem Zauber. "Die größte Freundschaft und Liebe habe ich nur für ihn gehabt, 20 Jahre lang". Nach sieben Jahren heirateten sie, 16 Jahre später war ihre Ehe am Ende.

Tilla Durieux und Paul Cassirer
Es war eine Liebe, die nicht für den Alltag gerüstet war. Er wird als Frauenheld beschrieben, hatte seine Launen. Mit ihm "erlebte sie Strindbergs Ehehöllen (die sie oft auf der Bühne gespielt hat), in der Wirklichkeit". Zermürbt von seinen Zornesausbrüchen und wohl auch seinem unbezähmbaren Alkoholkonsum wollte sie die Scheidung, doch das endete tödlich. Während der Vorbereitung der Scheidungsdokumente beim Anwalt verließ er das Zimmer und versuchte, sich mit der Pistole das Leben zu nehmen. Theaterreif sagte der Schwerverletzte noch zu ihr "Nun bleibst du aber bei mir!", zwei Tage später starb er.

Vier Jahre nach Cassirers Tod heiratete die Durieux den Mann, mit dem sie seit Jahren heimlich eine Beziehung geführt hatte. Sie überlebte auch diesen Ehemann, der kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs im KZ umgebracht wurde. Als sie nach erfolgreicher Schauspielerinnenkarriere in West-Berlin 91-jährig starb, hatte sie ihre große Liebe Paul Cassirer um 45 Jahre überlebt. Jetzt fanden beide im Tod zueinander, sie wurde neben ihm in seiner Grabstelle auf dem Friedhof Heerstraße beerdigt. Für ihn hatte sein Freund, der Bildhauer Georg Kolbe, ein Grabdenkmal geschaffen. Tilla Durieux' Name ist auf einem dazugelegten Naturstein, einem kleinen Findling, angebracht.


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Der Waldfriedhof
Von dem Sausuhlensee, der aus zwei Pfuhlen gebildet wurde, erhebt sich der Friedhof Heerstraße in Terrassen bis hinauf zur Straße in einem Miteinander von Landschaft und Begräbnisfeldern. Deutlich kann man die Veränderung der Begräbniskultur nachvollziehen, wenn man von dem historischen westlichen Teil aus den 1920er Jahren zur östlich des Sees in den 1950er Jahren angelegten Friedhofserweiterung geht. Künstlerische Grabanlagen waren und sind aus der Mode gekommen, der Grabschmuck im älteren Teil ist eine kulturelle Botschaft aus einer vergangenen Zeit.

Der Friedhof Heerstraße ist ein Prominentenfriedhof, hat mehr Ehrengräber als die Waldfriedhöfe Zehlendorf und Dahlem. Auf ihm sind beerdigt Künstler wie Curt Goetz, George Grosz, Dietrich Fischer-Dieskau, Ulrich Roski, Willi Schaeffers und Schauspieler wie Horst Buchholz, Wolfgang Gruner, Jo Herbst, Victor de Kowa, Edith Schollwer. Grethe Weiser. Auf dem Friedhof befinden sich die Gräber des Architekten Horst Jansen, des Psychoanalytikers Horst Eberhard Richter, des Boxers Bubi Scholz, der Bildhauer Günter Anlauf ("Bärenbrücke") und Rolf Szymanski. Wir treffen Friedhofsbesucher, die sich wie wir von den Namen zu eigenen Assoziationen anregen lassen. Angehörige mit Gießkannen sehen wir kaum.

Um "den unangebrachten Eindruck einer Dorfkirche zu vermeiden", wurde die Kapelle als würfelförmiger Zentralbau mit einer steilen Dachpyramide errichtet. Die Wirkung dieses Baus war dann noch fremdartiger, als nach der Aufschüttung der Heilsberger Alle im Zusammenhang mit dem Bau des Olympiastadions fast nur noch der kuppelartige Aufbau sichtbar blieb. Hitler ordnete an, dass das Dach abgebaut werden müsse, die "deutschen" Olympischen Spiele 1936 vertrügen sich nicht mit diesem Anblick. Durch einen behutsamen Umbau der Kapelle entstand ein expressionistisch anmutender Bau mit Flachdach, dessen Fassade weiterhin aus märkischem Backstein gemauert blieb.


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Georg Kolbe
Der Bildhauer Georg Kolbe war durch den Selbstmord seines Galeristen und Freundes Paul Cassirer tief betroffen. Eine Jahr später nahm sich Kolbes Frau Benjamine das Leben, für ihn brach eine Welt zusammen. Benjamine Kolbe wurde auf dem Friedhof Heerstraße beerdigt. Das von ihrem Mann geschaffene Grabmal ist äußerst ungewöhnlich: Hinter vier liegenden Grabplatten ragen drei schlanke Stelen empor, deren mittlere das Portrait seiner Ehefrau Benjamine in drei Versionen zeigt. Auf den beiden anderen Stelen sind Terra (Erde) und Coeli (Himmel) eingraviert. In der Sensburger Alle, 676 Meter Luftlinie von dem Grab entfernt, baute Kolbe sein Ateliergebäude, von dessen Dach aus er die Ruhestätte sehen konnte. Diesen Ausguck nannte er "meine Sensburg". Mit bloßem Auge kann man von dieser Höhe aus ohne Sichtbehinderung ungefähr 8 km weit sehen. Es spricht manches dafür, dass er die Stelen gewählt hat, um den Grabplatz von Weitem leichter auszumachen. Auch Kolbe selbst wurde hier später beerdigt.

Grabstellen Alfred Cassirer und Max Cassirer
Zwei weitere Grabstellen der Familien Cassirer auf dem Friedhof Heerstraße ähneln sich nicht nur zufällig in ihrer Ausschmückung. Beide wurden nach Entwürfen des Bildhauers August Gaul gestaltet, der mit den Cassirers befreundet war. Alfred Cassirer war Industrieller, zusammen mit seinem Bruder Hugo betrieb er ein Kabelwerk in einem kubischen Backsteinbau in Hakenfelde. Sein Onkel Max hatte für sich eine Grabstelle für 60 Jahre erworben. 1984 wurde sie neu belegt, der Grabstein blieb aber erhalten. Er enthält zwei Tierfriese mit Reliefs von Ziegen und Schafen. Beim Grabstein von Alfred Cassirer sind es sechs weidende Schafe, ausgeführt in einem Flachrelief aus Muschelkalk.


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Thea von Harbou
Aus der intellektuellen Verbindung der Drehbuchautorin Thea von Harbou mit dem Regisseur Fritz Lang sind epochale Werke wie der Film "Metropolis" entstanden. Ihre Liebesbeziehung wurde überschattet von einem Ehedrama mit Fritz Langs erster Frau. Sie starb durch einen Pistolenschuss, ob Unfall oder Selbstmord, wurde nie aufgeklärt. Zehn Jahre arbeitete das Ehepaar Harbou / Lang intensiv zusammen, 1933 wurden sie geschieden und gingen extrem unterschiedliche Wege. Fritz Lang emigrierte in die USA, Harbou kollaborierte mit den Nazis, wurde Mitglied der NSDAP. Im Nachkriegsdeutschland fasste sie wieder Fuß in der Filmindustrie. Mit Fritz Lang hatte sie bis zu ihrem Lebensende keinen Kontakt mehr.

Joachim Ringelnatz

_____Die Zeit vergeht / Das Gras verwelkt
_____Die Milch entsteht / Die Kuhmagd melkt

_____Die Milch verdirbt / Die Wahrheit schweigt
_____Die Kuhmagd stirbt / Ein Geiger geigt

Der Schulabbrecher, Schiffsjunge, Lehrling, Hausmeister, Hausdichter, Privatbibliothekar, Vortragskünstler, Dichter, Maler Joachim Ringelnatz hat es nicht verdient, dass seine Grabplatte zum Ablageplatz für Kitsch wird. Ein in Plastikfolie eingeschweißtes Gedicht, ein Putto, ein Reh, eine Flasche stehen auf der Platte aus Muschelkalk, die die Bildhauerin Renée Sintenis geschaffen hat. Seine skurrilen Verse sprechen für sich, Devotionalien auf dem Grab sind eher peinlich.

Renée Sintenis (groß von Gestalt, „Bubikopf“, schlichte, männliche Kleidung, eher knabenhaft als feminin) und Joachim Ringelnatz (kleine Statur, Vogelnase, vordrängendes Kinn) waren sich in intensiver Freundschaft zugetan, vielleicht weil beide Außenseiter waren. Ringelnatz wurde wegen seines Aussehens häufig verspottet, er selbst war „überzeugt, dass mein Gesicht mein Schicksal bestimmt. Hätte ich ein anderes Gesicht, wäre mein Leben ganz anders verlaufen“. Sintenis modellierte eine expressive Porträtbüste des Dichters, unterstützte und förderte ihn als Maler und Zeichner, illustrierte mit ihren Zeichnungen posthum ein Buch mit seinen Tiergedichten .

Nach so vielen Geschichten, in denen Liebe und Leidenschaft aus der Vergangenheit heraufscheinen, kehren wir vom U-Bahnhof Olympiastadion aus in die Gegenwart zurück.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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