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Der Stadt zum Schmuck


Stadtteil: Charlottenburg
Bereich: Lietzensee
Stadtplanaufruf: Berlin, Dernburgplatz
Datum: 21. November 2016 (Update zum 24. Juli 2006)

Wie modern war man vor hundert Jahren: Man nahm den Menschen die Last des Kochens ab, das Essen wurde in die Wohnung geliefert. Die Küche war entbehrlich, sie wurde durch einen Anrichteraum ersetzt.

Das EinKüchenHaus: Ein Topf für alle
Mit dem Haustelefon konnten die Bewohner des Einküchenhauses in der Kuno-Fischer-Straße am Lietzensee ab 1908 ihr Essen in der Zentralküche bestellen. Geliefert wurde es per Speiseaufzug, denn gekocht wurde in der professionell ausgestatteten Großküche im Untergeschoss, dort waren mehrere angestellte Köchinnen tätig.

Über die reine Essensversorgung hinaus verband sich mit diesem Modell ein gesellschaftlicher Reformansatz. Die Berufstätigkeit der Frauen sollte erleichtert werden, sie sollten mehr Zeit für die Familie haben, insbesondere für die Kinder. Doch es gab Vorbehalte: "Zwangseinrichtung", "Massenabfütterung", "Zu Hause schmeckt's doch am besten", "Verstaatlichte Mutterfreuden" wurden der Idee entgegen gehalten.

Das Haus am Lietzensee wurde realisiert von der "Einküchenhaus-Gesellschaft der Berliner Vororte und der Gesellschaft für neue Heimkultur zur Reform des Wohnungs-, Haushaltungs- und Erziehungswesens". Es enthielt Zwei- bis Fünfzimmerwohnungen und war mit Bädern, Zentralheizung und Warmwasserversorgung ausgestattet, das war zur Bauzeit 1908 weit über dem Standard. In vergleichbaren Reformprojekten anderer Städte (beispielsweise Kopenhagen, Stockholm, Wien) gab es manchmal zusätzlich Waschküchen oder Services wie Wäschewaschen und Wohnungsreinigung. In Berlin realisierten Hermann Muthesius und Albert Geßner weitere Einküchenhäuser, doch lange hielt die Idee nicht ihrer praktischen Umsetzung stand. So wurden auch am Lietzensee nachträglich Küchen in alle Wohnungen eingebaut - ein Topf für alle war gescheitert.

Bebauung am Lietzensee
Lebensqualität für die Bürger oder maximale Gewinne für die Investoren? Beim Bauen ist das meist ein Gegensatz, und nicht erst seit der Wende wird um einen vernünftigen Ausgleich gerungen. In der Gründerzeit vor 140 Jahren boomten die Terraingesellschaften. Sie entwickelten neue Siedlungen, sorgten für die Infrastruktur, parzellierten, bebauten und verkauften die Grundstücke. Die Grundstücke mussten verkehrsgünstig liegen, Bahnhöfe mussten vorhanden sein oder eingerichtet werden.

Am Lietzensee war es die "Terrain-Aktiengesellschaft Park Witzleben", die 1899 gegründet wurde mit dem Ziel "demnächstiger" Wiederveräußerung der parzellierten Grundstücke. Für eine Bahnverbindung war gesorgt, 1877 wurde die Ringbahn fertig gestellt, 1916 folgte der Bahnhof Witzleben (heute Messe-Nord/ICC). Der Run um die Bebauung des Lietzensee-Viertels begann. Die Westseite des Sees mitsamt der Wasserfläche kaufte die Park Witzleben AG, auf der Ostseite waren drei andere Terraingesellschaften tätig.

Es waren die Blässhühner, die dem Lietzensee ihren Namen gaben. In der Schweiz nennt man sie bildhaft "Taucherli", der Berliner sagt schlicht und knapp "Lietze" zu den Wasservögeln. An dem See soll es einmal ein Dorf gegeben haben. Nach der Sage hatte sich ein gottesgläubiger aber scheußlich anzusehender Wassermann mit einem Bauern angefreundet und ihm zu Wohlstand verholfen. Doch die aufgebrachten Dorfbewohner hielten den Wassermann für grausam und böse und erschlugen den Bauern, der mit diesem Bund vermeintlich das Unglück über sie bringen würde. Der Wassermann rächte sich bitter und zog das Dorf in den See, es verschwand.

Der in der Eiszeit entstandene See war noch von Ackerland und Wald umgeben, als General von Witzleben 1824 dort Landflächen erwarb. Witzleben ließ einen Garten und eine Badeanstalt anlegen und erbaute ein Landhaus. Später war der See nahezu verlandet und völlig verschilft. Heute wird das übermäßigen nährstoffbelastete Seewasser angesaugt, durch Filter gepumpt und gereinigt, bevor es in einem geschlossenen Kreislauf über die Kaskaden in den See zurückfließt.

Die Terraingesellschaft erwarb 1899 die Besitzungen, baggerte den See aus, schüttete einen Damm auf und baute eine Brücke, um die Kantstraße bis zum Bahnhof Witzleben zu verlängern. Zwischen Herbertstraße/Wundtstraße und See ließ sie einen Park anlegen. 1910 übertrug sie der Stadt Charlottenburg den Lietzensee und den Park. Auf der Ostseite des Sees gibt es dagegen keinen öffentlichen Zugang, an der Kuno-Fischer-Straße und einem Teil des Lietzensee-Ufers gehen die Grundstücke bis ans Wasser.


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Lietzenseepark
Für den Charlottenburger Stadtgartendirektor Erwin Barth war es 1912 eine seiner ersten Aufgaben, den Dernburgplatz und den Eingangsbereich zum Lietzensee neu zu gestalten. Später konzipierte er den ganzen Lietzenseepark neu, für die Ausführung wurden Arbeitslose in einem Notstandsprogramm herangezogen. Am Südende des Sees liegt der Dernburgplatz. Unterhalb eines platanenbestandenen Vorplatzes bilden 10 Steinstufen eine Wassertreppe, auf der das hochgepumpte Wasser wieder in den See zurückfließt. Das Ufer wird bei den Kaskaden durch Laubengänge eingefasst. Eine weitere kleine Kaskade, auf der auch Kinder planschen konnten, gibt es am Nordende des Parks.

"Der Jugend zum Spiel / dem Alter zur Ruh' / der Stadt zum Schmuck", so hatte Barth sich den Lietzenseepark gewünscht.

Erwin Barth war zunächst Stadtgartendirektor von Charlottenburg und übernahm diese Aufgabe nach der Eingemeindung dann für ganz Groß-Berlin. Fast alle Charlottenburger Parks jener Zeit wurden von ihm gestaltet, geprägt vom Charakter der umgebenden Landschaft. Der Volkspark Jungfernheide gehört ebenso dazu wie der Schustehruspark, Savignyplatz, Karolingerplatz, Mierendorffplatz, Klausenerplatz oder der Brixplatz, später auch der Volkspark Rehberge in Wedding und die Grünanlagen auf dem zugeschütteten Luisenstädtischen Kanal.

Kuno-Fischer-Platz
Das Knappschaftshaus in der Kuno-Fischer-Straße ist mit Darstellungen aus der Arbeitswelt der Bergarbeiter geschmückt. Die Knappschaft ist die älteste Sozialversicherung der Welt, sie geht auf eine 1260 gegründete Bruderschaft zur Unterstützung kranker und verletzter Bergleute und deren Hinterbliebenen zurück. Nachdem der Bergbau weitgehend zum Erliegen gekommen ist, hat die Knappschaft sich für alle Berufe geöffnet und ist Ansprechpartner für Minijobs, auch im Haushalt.


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Seit 1950 war im Knappschaftshaus drei Jahre lang die Notaufnahmestelle für DDR-Flüchtlinge untergebracht, die danach in das zentrale Notaufnahmelager Marienfelde umzog. Die kleine Parkanlage hinter dem Haus wurde wie der Lietzenseepark von Erwin Barth gestaltet. Als zwischendurch ein Polizeirevier im Knappschaftshaus untergebracht war, hieß der Park bei den Berlinern "Bullenwiese".

Kirche am Lietzensee
Mit ihrer voll verglasten Altarwand wendet sich die evangelische Kirche direkt dem Lietzensee zu. Auf fünfeckigem Grundriss hat Paul Baumgarten hier ein weitgespanntes, stützenfreies „Kirchenzelt" geschaffen, das sich in Hanglage zum See befindet. Die Fensterflächen öffnen sich auf vier Seiten zur Natur, zur Straße hin ist die Kirche durch einen Mauerriegel abgeschlossen.

Reichskriegsgericht, Reichsmilitärgericht, Kammergericht
Ein Gerichtsgebäude muss die Macht und Würde der dritten Gewalt - der Judikative - zeigen, es soll einschüchtern. Mehrere Gebäudeflügel, mächtige Portale, Säulen, schwere Dreiecksgiebel, behauener Naturstein, Wappen und Reichsadler, an nichts fehlt es dem 1910 eröffneten obersten Reichsmilitärgericht am Witzlebenplatz. In der Nazizeit richtete hier das Reichskriegsgericht über Verbrechen von Wehrmachtsangehörigen wie "Wehrkraftzersetzung", Kriegsdienstverweigerung, Zugehörigkeit zum Widerstand. Während des Zweiten Weltkriegs sind von allen Militärgerichten - nicht nur dem am Witzlebenplatz - 30.000 Todesurteile verhängt worden, die meist auch vollstreckt wurden. Die Richter selbst sind nach Kriegsende nie belangt worden, wenn sie Rechtsbeugung begangen hatten.

In der Nachkriegszeit hatte das Kammergericht bis zur Wende am Witzlebenplatz seinen Sitz. Danach zog es in den Kleistpark in sein angestammtes Gerichtsgebäude zurück, das in der Nazizeit als Volksgerichtshof und während der Teilung Berlin als Sitz des Alliierten Kontrollrats genutzt worden war. Am Witzlebenplatz wurde das ehemalige Gerichtsgebäude zu einem Wohnkomplex mit 100 Wohnungen umgebaut.

Skulpturen, Denkmale und Bauten im Lietzenseepark
Ein Ehrenmal für die Gefallenen des preußischen "Königin Elisabeth Garde Grenadier-Regiments" erinnert an die Füsiliere und Offiziere, die bis zum 1.Weltkrieg den Heldentod für ihre Heimat starben. Die ehemalige Kaserne des Regiments steht an der Soorstraße. Am Bahnhof Westend hatte das Regiment einen eigenen Bahnsteig, zu dem es von der Soorstraße aus marschieren konnte. Die namensgebende Königin Elisabeth war die Ehefrau Friedrich Wilhelm IV., eine bayerische Prinzessin, die auch für das Elisabethufer und den Elisabethhof am Luisenstädtischen Kanal Pate stand.

Im Park gibt es einige Skulpturen. Ein Bild des "Sandalenanziehers" von Fritz Röll nutze ich seit unserem ersten Besuch 2006 als Erkennungszeichen dieser Homepage. - In der Dernburgstraße erinnert die Gedenktafel für Edmund Rumpler an den Entwickler der "Rumpler-Taube", der am Flugplatz Johannisthal eine Flugzeugfabrik betrieb und sich später auf den Autobau verlegte. - Vor dem Reichsmilitärgericht weist ein Denkzeichen auf die Morde der NS-Militärjustiz am Murellenberg hin. - Das Parkwächterhäuschen am Lietzensee wurde von einer Anwohnerinitiative wieder belebt, nachdem es schon dem Verfall preisgegeben schien.


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Zum Schluss unseres Rundgangs haben wir uns das Restaurant "Engelbecken" für unser Flaniermahl ausgesucht, das vom Luisenstädtischen Kanal hierher zur Witzlebenstraße umgezogen ist. Damit können wir zu dem Ziel unseres Stadtspaziergangs in der nächsten Woche überleiten. Wir haben uns hier wohl gefühlt, mal sehen, wohin es uns dort führen wird.

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... ACHTUNG, es folgen ZWEI Bildergalerien ...
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... und hier sind weitere Bilder ...
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Unsere Route:
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Licht auch in der Westberliner Mitte Berlins
Wieder ein Bahnhof